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„Wenn man früh anfängt, bringt Vorsorge viel“

Gundula Roßbach im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau

Foto von Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund

Die Rente ist sicher – reformbedürftig. Wie sollten die Weichenstellungen in der Rente in den kommenden Jahren angesichts des demografischen Wandels aussehen? Sollten auch Beamte und Selbständige in die gesetzliche Versicherung einzahlen? Sorgen junge Menschen genug vor? Die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, Gundula Roßbach, spricht über die Zukunft der Alterssicherung und ihre Forderungen an eine künftige Regierung.

Frau Roßbach, Sie sind Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund. Wie erklären Sie einem Zehnjährigen, was Sie beruflich machen?

Ich würde ihn einladen, einen Tag mit mir im Büro zu verbringen. Dann würde er merken: Der Job ist vielfältig. Ich muss – was er vielleicht auf den ersten Blick nicht so spannend fände – viele Akten lesen. Ich stimme mich mit unserer Selbstverwaltung ab und spreche viel mit den Menschen, die bei uns arbeiten. Und natürlich ist auch der Kontakt mit der Politik wichtig, gerade wenn es um neue Rentengesetze geht.

Die Großeltern des Zehnjährigen erhalten im nächsten Jahr eine Rentenerhöhung. Gleichzeitig sinkt für die Eltern der Rentenbeitrag leicht. Ist das wirklich sinnvoll – oder sollte das Geld nicht besser für schlechtere Zeiten zurückgelegt werden?

Die Beitragssenkung im nächsten Jahr ergibt sich aus einem Mechanismus, der im Gesetz vorgesehen ist. Nach dem Gesetz muss die Rentenversicherung immer eine gewisse Beitragsreserve haben. Für diese Reserve gibt es eine untere Grenze, ab der die Beiträge erhöht werden müssen. Es gibt aber auch eine obere Grenze, ab der die Beiträge gesenkt werden müssen.

Der Beitrag sinkt um 0,1 Punkte auf 18,6 Prozent. Was hat ein Durchschnittsverdiener davon?

Je nach genauen Verdienst ist das unterschiedlich, beim Durchschnittsverdiener sind es rund 19 Euro im Jahr. Der Arbeitgeber wird in gleichem Umfang entlastet.

Die Eltern des Zehnjährigen können dann also, wenn sie beide arbeiten, von dem Geld mit ihrem Kind zusammen als Familie vielleicht einmal im Jahr essen gehen. Oder zweimal in die Eisdiele. Gleichzeitig kommen auf die Rentenversicherung durch den demografischen Wandel große Herausforderungen zu…

Das ist unbestritten.

Wer als Privatmensch weiß, dass in der Zukunft große finanzielle Belastungen anstehen, legt dafür im Zweifel jeden Cent zurück. Sollten wir das in der gesetzlichen Rentenversicherung nicht auch tun? Die Politik könnte dafür ja auch einfach die Gesetze ändern.

Das, was Sie ansprechen, würde unser gesamtes System verändern. Einen Reservefonds mit hohen Rücklagen für die Zukunft anzulegen, ist in der Rentenversicherung bisher nicht vorgesehen. Wir haben heute ein Umlagesystem: Wer arbeitet, zahlt für die aktuelle Rentnergeneration ein. Dafür zahlt dann die nächste Generation, wenn er selbst in Rente gegangen ist. Aber natürlich können Politiker die Gesetze ändern und sagen, wir senken die Beiträge nicht mehr wie vorgesehen, sondern haben andere politische Vorstellungen. Ähnliches ist ja auch in der Vergangenheit vorgekommen, um bestimmte Leistungen zu finanzieren, etwa 2014 im Zusammenhang mit dem Rentenpaket.

Norbert Blüm hat gesagt: „Die Rente ist sicher.“ Wie müsste der Satz für die heute junge Generation korrekt heißen: „Die Rente ist sicher – reicht aber sicher nicht mehr für alles aus“?

Wir haben in Deutschland die Grundsatzentscheidung getroffen, dass die Rente ergänzt sein soll um private und betriebliche Vorsorge. Das stellt auch jeden Einzelnen vor die Aufgabe sich zu fragen: Welchen Lebensstandard stelle ich mir im Alter vor – und was bin ich bereit, dafür zu tun?

Hat die junge Generation das schon ausreichend verstanden?

Nein, in vielen Fällen sicher nicht. Dabei ist es gerade wichtig, frühzeitig mit dem Sparen zu beginnen. Es bietet sich etwa an, monatlich etwas zurückzulegen. Das Problem ist: Wer spät anfängt, hat es natürlich schwieriger, am Ende auf Erträge zu kommen, die sein Leben im Alter spürbar verbessern. Im Kopf vieler hat sich die Idee festgesetzt, Vorsorge bringe gar nichts. Das ist falsch. Insbesondere, wenn man früh anfängt, bringt es richtig viel.

Gehört dieses Thema schon in die Schule?

Ja. Wir gehen in die Schulen und haben auch Unterrichtsmaterial, um neutral über das Thema zu informieren. Auf unserer Internetseite „Rentenblicker“ findet man in jugendgerechter Sprache Infos zur Altersvorsorge. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, die jungen Menschen schon frühzeitig zu sensibilisieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Ließen sich die demografischen Herausforderungen in der gesetzlichen Rentenversicherung besser bewältigen, wenn man eine Bürgerversicherung in der Rente einführen würde? Wenn also auch Beamte und Selbständige in die Rente mit einbezogen würden?

Erstens wäre es ein höchst komplizierter, Jahrzehnte andauernder Übergangsprozess, die Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung zu bringen. Zweitens gilt: Das würde an den demografischen Herausforderungen wenig ändern. Jeder, der als Beitragszahler dazukommt, hat ja später auch Anspruch auf Leistungen. Bei den Selbständigen sieht das allerdings anders aus: Hier gibt es einen guten Grund darüber nachzudenken, was sich ändern sollte.

Nämlich?

Wenn man sich anschaut, wer im Alter ein hohes Risiko hat, wenig Geld zur Verfügung zu haben, kommt rasch auf die Gruppe der Selbständigen. Wer als Selbstständiger nicht in berufsständischen Versorgungssystemen oder Ähnlichem abgesichert ist, hat ein doppelt so hohes Risiko wie andere, in Grundsicherung zu kommen. Ich finde, hier sollte man über eine Versicherungspflicht nachdenken. Um auf diese Weise zu sagen: Ja, auch von dieser Gruppe darf man Eigenvorsorge erwarten. Denn die Grundsicherung zahlen hinterher als Steuerzahler alle.

Gerade Solo-Selbständige verdienen oft wenig. Die Menschen sparen ja nicht zum Spaß an der Vorsorge für das eigene Alter.

Umgekehrt lässt sich aber auch die Frage stellen, ob nicht im Fall einer Versicherungspflicht eines nachlassen wird: nämlich der Druck, manche Tätigkeiten in die Selbständigkeit auszulagern, obwohl sie dort gar nicht unbedingt hingehören. Eine Versicherungspflicht würde auch die Entwicklung abfedern, dass viele Erwerbsverläufe mittlerweile hybrid sind: Das heißt, Menschen sind selbstständig, dann wieder als Arbeitnehmer beschäftigt, dann wieder selbständig – und so weiter. Bei einer Versicherungspflicht könnten sie in einem System eine vernünftige Vorsorge aufbauen. Die Rentenversicherung hat hier gute Leistungen zu bieten.

Thema Renteneinheit: Der Ost-Rentenwert soll bis 2025 schrittweise auf West-Niveau angehoben werden. Parallel soll die Höherbewertung der Ostlöhne bei der Rentenberechnung abgebaut werden. Lohnt sich die Sache für die Menschen im Osten so überhaupt?

Gerade zum Thema Ost-West-Angleichung habe ich mit vielen Menschen persönlich gesprochen. Sie haben mir stets gesagt: Wir wollen gleich behandelt werden. Da geht es auch um eine Frage der Gerechtigkeit. Wer etwas beim Rentenwert tut, muss das ganz folgerichtig auch bei der Bewertung der Löhne in der Rentenberechnung tun. 28 Jahre nach dem Fall der Mauer kommen wir jetzt zu einem einheitlichen Rentenrecht. Darum geht es den Menschen. Und dafür ist es jetzt auch an der Zeit.

Was sind drängende rentenpolitische Forderungen, die Sie an eine künftige Regierung haben?

Aus meiner Sicht müssen wir jetzt über die langfristige Perspektive bei der Rente sprechen – also darüber, was ab 2030 geschieht. Da hier große Verlässlichkeit und gesellschaftlicher Konsens notwendig sind, finde ich den Vorschlag richtig, darüber in einer breit aufgestellten Rentenkommission nachzudenken. Jede Änderung hat langfristige Auswirkungen und muss ja dann auch wieder von der nächsten Regierung mitgetragen werden. Klar sein muss auch: Wenn die Politik die Mütterrente ausweiten sollte oder beispielsweise eine Solidarrente für Geringverdiener einführt, muss das aus Steuermitteln finanziert werden. Denn für diese Leistungen sind keine Beiträge gezahlt worden.

Für Sie selbst geht es im Jahr 2031 in den Ruhestand. Was möchten Sie über die Rentenversicherung sagen können, wenn es so weit ist?

Darüber denke ich jetzt noch nicht so viel nach. Bis dahin ist es ja noch etwas hin. Aber gut wäre es, dann eine Rentenversicherung zu übergeben, in der nach den Prognosen klar ist, wie es in den folgenden Jahrzehnten stabil weiter geht. Dazu müssen wir genau im Blick haben, wie es beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt, mit dem demografischen Wandel, der Zuwanderung und auch mit der Digitalisierung weitergeht. Das Rentensystem Stück für Stück anzupassen, einen genauen Blick darauf zu haben, ob Dinge tatsächlich so eintreten wie gedacht – das ist eine wichtige Aufgabe für die kommenden Jahre. Ich freue mich, daran mitzuarbeiten und mitzugestalten.

Die Fragen stellte Tobias Peter.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 2. Dezember 2017

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