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„Unrecht auch als Unrecht benennen“

DRV stellt Buch vor: Nazi-„Führerprinzip“ statt freier Selbstverwaltung

Erscheinungsdatum: 22.11.2017

Was geschah in der Zeit der NS-Diktatur bei der Landesversicherungsanstalt (LVA) Baden, was in Württemberg? Waren beide damals nur ausführende Behörden oder auch aktiv an Verbrechen beteiligt? Anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens vor zwei Jahren beauftragte die aus den beiden LVAen hervorgegangene Deutschen Rentenversicherung (DRV) Baden-Württemberg den Historiker Dr. Christoph Wehner, die Zeit von 1933 bis 1945 wissenschaftlich aufzuarbeiten: Seine Studie, für die er zahlreiche Quellen ausgewertet hat, liegt jetzt als Buch vor und liefert neue Erkenntnisse über die nationalsozialistische Personalpolitik bei den Versicherungsträgern.

In mehreren Veranstaltungen wurde das Buch jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt. In Stuttgart-Freiberg enthüllte DRV-Geschäftsführer Andreas Schwarz am Dienstag, 21. November, eine Gedenktafel für Christian Härle. Der Kommunalpolitiker und Arbeitersekretär der Stuttgarter Gewerkschaften war seit 1920 im Vorstand der LVA Württemberg. Wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung entfernten ihn 1933 die Nazis aus allen Ämtern. Unter den Alliierten wurde er dann erster Präsident der LVA Württemberg.

Eine männliche Person, die ein Buch in der Hand hält.
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Die NS-Zeit bei den ehemaligen Landesversicherungsanstalten Baden und Württemberg arbeitet das Buch des Historikers Dr. Christoph Wehner auf.

Auch die Abschlussveranstaltung der Jüdischen Kulturwochen 2017 der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart beschäftigte sich am 21. November mit der Rolle der Vorgängeranstalten der Deutschen Rentenversicherung während der Nazi-Diktatur. Der Titel der Vortrags und Diskussionsveranstaltung: „Politik - Verwaltung - Verbrechen“. Buchautor Wehner skizzierte die Landesversicherungsanstalten im „völkischen Wohlfahrtsstaat“, den Rentenausschluss für „Staatsfeinde“ und die antijüdische Rentenpolitik während des Kriegs. In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Diskriminierung jüdischer Rentner und Versicherter sowie die Rolle der Rentenversicherungsträger und des Staates in Baden-Württemberg in dieser Zeit und in der Gegenwart thematisiert.


„In diesem Buch wird Unrecht genannt, was Unrecht war“, fasste DRV-Geschäftsführer Andreas Schwarz zusammen. Hier sei das Unrecht von Verbrechern wie Fritz Plattner und Georg Götz in der damaligen Führungsriege der LVAen dokumentiert. „Mich macht betroffen, wie sich die LVAen auf Kosten auch der jüdischen Mitbürger bereichert haben.“ Die Nationalsozialisten hatten bei der Rentenkasse die Kapitaldeckung eingeführt, so Schwarz. „Und damit haben sie dann ihre Kriegskassen gefüllt.“


Das Buch sei eine Mahnung: „Wir müssen uns mit den Kräften auseinandersetzen, die diese fürchterliche Vergangenheit ausblenden wollen und heute sogar wieder in Parlamenten sitzen.“ Diese Diskussion, unterstrich Schwarz, könne keinen Schlusspunkt haben.


IRGW-Vorsitzender und Landesrabbiner a. D. Dr. Joel Berger dankte der Rentenversicherung dafür, dass sie „dieses dunkle Kapitel der Öffentlichkeit zugänglich macht.“ Der alternierende DRV-Vorstandsvorsitzende und baden-württembergische DGB-Chef Martin Kunzmann betonte, wie wichtig Erinnerungskultur sei: „Dieser Aufgabe hat sich unsere Rentenversicherung im Land mit der lückenlosen Aufarbeitung ihrer Geschichte nun gestellt.“


Bereits am 15. November hatte Geschäftsführer Andreas Schwarz in der DRV-Zentrale in Karlsruhe eine Gedenktafel für Gustav Schulenburg enthüllt. Der Karlsruher Gewerkschaftsführer und NS-Gegner gehörte bis 1933 dem Vorstand der LVA Baden als erster Versichertenvertreter an.


In dem Buch „Die Landesversicherungsanstalten Baden und Württemberg im ‚Dritten Reich‘“ macht der Autor Dr. Christoph Wehner auch deutlich, wie die Selbstverwaltung systematisch entmachtet und durch das „Führerprinzip“ ersetzt wurde. Wehner geht auf die Rolle der Versicherungsträger im Rahmen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ ein und auf die Diskriminierung von Juden und politischen NS-Gegnern im Rentenrecht. Bis in die Gegenwart wirken der Wiederaufbau der Selbstverwaltung nach 1945 und die Entnazifizierung: zwei zentrale Aspekte, die wesentlich zur demokratischen Neugründung des westdeutschen Sozialstaats beitrugen.

Den Vortrag von Dr. Christoph Wehner zur Vorstellung des Buches "Die Landesversicherungsanstalten Baden und Württemberg" können Sie sich hier herunterladen: PDF-Datei Vortrag und Buchvorstellung

Die Landesversicherungsanstalten Baden und Württemberg im „Dritten Reich“
Personalpolitik, Verwaltung und Rentenpraxis 1933-1945
Hg. Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, 2017
Autor: Christoph Wehner, sv:dok, Bochum
ISBN 978-3-9818343-0-7

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder direkt über sv-dok zu bestellen: www.sv-dok.de
Der Erlös kommt der NS-Gedenkstätte Grafeneck zugute: www.gedenkstaette-grafeneck.de

Eine männliche Person, die ein Buch in der Hand hält.

Die NS-Zeit bei den ehemaligen Landesversicherungsanstalten Baden und Württemberg arbeitet das Buch des Historikers Dr. Christoph Wehner auf.

Quelle: 

Pressestelle DRV BW

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