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Rehabilitationsbedarf und -inanspruchnahme bei älteren Erwerbstätigen mit und ohne Migrationshintergrund in der BRD – eine Untersuchung mit der lidA-Kohortenstudie (lidA-DRV)

Prof. Dr. med. Hans Martin Hasselhorn, Fachgebiet Arbeitswissenschaft, Bergische Universität Wuppertal
Prof. Dr. med. Oliver Razum, AG 3 Epidemiologie & International Public Health, Universität Bielefeld

Hintergrund

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die inzwischen 16,4 Millionen Personen umfassende „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ macht mit 20 % einen substanziellen Anteil an der Gesamtbevölkerung sowie mit knapp 7,4 Millionen Personen 18,4 % der Erwerbstätigen Sie ist u. a. aufgrund unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Religion und Bildungsstatus eine heterogene Gruppe. Personen mit Migrationshintergrund (PmM) unterscheiden sich in ihrer Gesundheit von Personen ohne Migrationshintergrund (PoM). So weisen migrierte Personen (1. Generation) einerseits den so genannten healthy migrant effect auf, d.h. sie sind durchschnittlich gesünder als die Bevölkerung im Herkunftsland, andererseits treten bei Menschen mit Migrationshintergrund im Zielland im Vergleich zu PoM häufiger chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus und psychische Erkrankungen auf. PmM haben häufig einen niedrigeren so-zioökonomischen Status und sind oftmals ungünstigeren Lebensbedingungen ausgesetzt. Vor allem Ältere unter ihnen haben zudem eine geringere Health Literacy. Das bedeutet, sie können Gesundheitsinformationen schlechter finden, verstehen und beurteilen und daher weniger gut eine informierte Entscheidung treffen. Arbeitsbedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund sind oft physisch und psychisch belastend.

Ergebnisse aus Versorgungsstudien zeigten, dass gesundheitliche Versorgungsangebote von Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund unterschiedlicher Barrieren deutlich weniger in Anspruch genommen werden. Dies trifft u. a. auf die medizinischen Rehabilitationsleistungen zu. Es gibt vielfältige Barrieren beim Zugang zur medizinischen Rehabilitation. Barrieren finden sich in den Bereichen Sprache, Wissen, Religion/Kultur/Milieu sowie Diskriminierung. Auf der Individuums-Ebene werden als migrantenspezifische Zugangsbarrieren unzureichende Deutschkenntnisse, Ängste, Misstrauen und fehlende bzw. falsche Informationen zum Rehabilitationssystem genannt.

Untersuchungsziel

Die geringere Inanspruchnahme von Leistungen der Medizinischen Rehabilitation durch Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ist hierzulande gut belegt. Allerdings machten sie nur 42 % aller erwerbstätigen PmM aus. In welchem Ausmaß weitere PmM-Untergruppen solche Leistungen in Anspruch nehmen, ist unzureichend untersucht.

Gegenstand des beantragten Projekts ist die differenzierte, quer- und längsschnittliche Untersuchung der Bedarfe von Rehabilitationsleistungen (objektiv: bspw. ärztliche Empfehlung einer Rehabilitation bzw. definiert durch Gesundheit- und Funktionsindikatoren), der von der befragten Person geäußerten Bedürfnisse (subjektiv: Wunsch nach Rehabili-tationsmaßnahme) und der tatsächlichen Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen von älteren ArbeitnehmerIn-nen mit und ohne Migrationshintergrund (Selbstbericht so-wie zugespielte DRV-Prozessdaten) – sowie differenziert für deren Untergruppen.

Folgende Forschungshypothesen sollen im Rahmen des Projekts lidA-DRV untersucht werden:

H1: Die Inanspruchnahme medizinischer rehabilitativer Versorgung von älteren erwerbstätigen Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich nicht von äl-teren Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund.

H2: Die Inanspruchnahme medizinischer rehabilitativer Versorgung von älteren erwerbstätigen Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich nach Staatsangehörigkeit. Personen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit nehmen eine rehabilitative Versorgung weniger häufig in Anspruch als Migrantengruppen mit deutscher Staatsangehörigkeit (v. a. 2. Generation, Aussiedler).

H3: Das unterschiedliche Inanspruchnahmeverhalten von Personengruppen mit Migrationshintergrund (1. Generation vs. 2. Generation, Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus) lässt sich über den Migrationsstatus hinaus primär auf Zugangshindernisse (wie Herkunftsland , Bildungsstatus, ausgeübter Beruf, Sprachkenntnisse und Kenntnis des deutschen Gesundheitssystems (Health Literacy)) zurückführen.

H4: Der Bedarf an Rehabilitationsleistungen steht in einem Zusammenhang mit häufigen monotonen repetitiven einseitigen Belastungen und schweren körperlichen Arbeitstätigkeiten (mit physischen und psychischen Langzeitfolgen), denen Untergruppen der PmM häufiger ausgesetzt sind. Daher findet sich in Untergruppen der PmM ein höherer Bedarf an Rehabilitationsleistungen als bei PoM.

H5: Trotz höheren Bedarfs in verschiedenen Untergruppen der PmM (insbesondere PmM mit ausländischer Staatsangehörigkeit) ist deren Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen geringer als bei PoM.

H6: Die Bedürfnisse einer rehabilitativen Leistung stehen im Zusammenhang mit persönlichen Hilfeleistungen (sozialer Unterstützung), dem Sozialstatus, einem Migrationshintergrund und der Health Literacy.

Forschungsdesign und methodische Vorgehensweise

Datengrundlage ist die seit 2009 laufende lidA-Studie (www.lida-studie.de), eine umfangreiche repräsentative prospektive Kohortenstudie mit Fokus auf „Arbeit, Alter, Gesundheit und Erwerbsteilhabe“. Die lidA-Studie erlaubt aufgrund ihres kohort-sequenziellen Designs, ihrer großen Teilnehmerzahl und hohen Repräsentativität mittelfristig die differenzierte Untersuchung von Langzeiteffekten der Arbeit auf Gesundheit und Erwerbsteilhabe in einer älter werdenden Erwerbsbevölkerung aus interdisziplinärer Perspektive. Hierzu werden sozialversichert Beschäftigte der deutschen Baby-Boomer-Kohorten, nämlich der Jahrgänge 1959 und 1965 (NWelle1(2011) = 6585, NWelle2(2014) = 4244), in 3-Jahres-Abständen zu Hause persönlich befragt (Computer Assisted Personal Interview, CAPI). In den ersten beiden lidA-Wellen (2011, 2014) wurden verschiedene Indikatoren zu Arbeit, Gesundheit und Erwerbsteilhabe sowie zu privaten und sozialen Rahmenbedingungen erhoben.

Die Untersuchung der oben formulierten Hypothesen basiert auf den bisher vorliegenden Befragungsdaten der Erhebungswellen I und II sowie einem spezifischen Fragemodul, welches der Erhebungswelle III (Ende 2017) beigefügt wird. Ein zweiter Bestandteil des Vorhabens ist die geplante Zuspielung von DRV-Prozessdaten, so dass retro- und prospektiv objektive Endpunkte der Inanspruchnahme von Reha-Maßnahmen (sowie weiterer Leistungen) der DRV den Befragungsdaten zugespielt werden können.
Geplante statistische Analyseverfahren sind je nach Fragestellung u.a. multiple Regressionsmodelle, Hierarchische Modelle, Proportional-Hazard Regressionen, Strukturgleichungsmodelle.

Verwertung

Insgesamt liefern die Ergebnisse der lidA-Studie Welle III neue Hinweise auf Rehabedarfe, -potenziale und -Ansatzpunkte in Bezug auf verschiedene Gruppen älterer Beschäftigter – insbesondere Gruppen mit unterschiedlichem Migrationsstatus. Sie können dazu beitragen, die Rehabilitation so weiterzuentwickeln, dass sie die Diversität ihrer Versicherten berücksichtigt und Barrieren abbaut.