WEBVTT
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00:00:18.440 --> 00:00:24.239
Hallo und herzlich willkommen. Wir sind heute hier zu Gast bei Kurt Beck. Er blickt zurück
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auf eine sehr lange politische Karriere. Diese Karriere begann vor einem halben Jahrhundert
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00:00:30.920 --> 00:00:31.839
hier in Steinfeld, in der Pfalz. Guten Morgen, Kurt Beck.
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00:00:31.839 --> 00:00:37.240
hier in Steinfeld, in der Pfalz. Guten Morgen, Kurt Beck.
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00:00:37.240 --> 00:00:39.240
- Schönen guten Tag, gerne.
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00:00:39.240 --> 00:00:42.560
- Lang lang ist es her. Können Sie sich noch an den Tag erinnern,
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00:00:42.799 --> 00:00:47.200
an dem Sie vor 50 Jahren in die SPD eingetreten sind?
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00:00:47.799 --> 00:00:55.479
- Ja, ich kann mich gut daran erinnern. Das war noch ein bisschen vorher. Ich bin zum 1.1.1972
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00:00:55.479 --> 00:01:03.320
eingetreten, zum 1.1. Als es dann aber bekannt geworden ist im Ort, haben Verwandte
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00:01:03.320 --> 00:01:09.680
von uns nicht mehr mit meiner Mutter geredet. Im Dorf grüßt man sich ja, nicht mehr zurückgegrüßt.
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00:01:09.680 --> 00:01:14.959
Und auf die Frage meiner Mutter „Sag mal, was ist, sind wir böse miteinander oder was?“,
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00:01:14.959 --> 00:01:20.560
war dann die Antwort „In einer anständigen Familie macht man so was nicht.“
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00:01:20.560 --> 00:01:26.439
- In eine Partei eintreten oder in die SPD?
- In die CDU wäre völlig in Ordnung gewesen,
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00:01:26.439 --> 00:01:31.840
aber in die SPD eintreten, unvorstellbar.
- Und waren das nur die Nachbarn oder haben auch
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00:01:31.840 --> 00:01:38.000
ihre Eltern da was reflektiert oder sagen wir mal ihre Kollegen oder waren es nur die
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00:01:38.000 --> 00:01:42.359
Nachbarn oder die Leute im Ort?
- Das waren Leute aus dem Ort, der Chef der
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00:01:42.359 --> 00:01:47.760
Verwaltung. Damals hat man noch gesagt, der Einnehmerei, also für die Orte hier rum, waren
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00:01:47.760 --> 00:01:54.079
Verwandte von uns. Und der war derjenige, der den Ausspruch getätigt hat. Aber die Reaktion
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00:01:54.079 --> 00:02:00.799
war bei relativ vielen Leuten so. Meine Eltern haben das akzeptiert. Mein Vater war immer
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00:02:00.799 --> 00:02:08.199
Gewerkschafter, war immer in der IG BAU. Und da war das kein innerer Widerspruch, allerdings
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00:02:08.199 --> 00:02:10.479
auch keine Vorprägung.
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00:02:10.879 --> 00:02:14.560
- Ja, aber rückblickend betrachtet haben Sie trotz diesem etwas holprigen
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00:02:14.560 --> 00:02:21.639
Staat eine beachtliche politische Karriere hingelegt. Sie gewannen fünf Landtagswahlen
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00:02:21.639 --> 00:02:27.199
in Folge, waren also lange, lange Jahre Ministerpräsident und Landesvater von Rheinland-Pfalz, stiegen
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00:02:27.199 --> 00:02:33.000
später auf zum Bundesvorsitzenden der SPD. Das war ja nicht alles unbedingt zu erwarten,
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00:02:33.000 --> 00:02:37.960
denn schließlich kommen Sie nicht aus einer sehr zentralen Gegend. Ihr Vater war Maurermeister,
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00:02:37.960 --> 00:02:42.080
also politische Protektion konnten Sie nicht drauf bauen. Wie haben Sie denn dennoch so
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00:02:42.080 --> 00:02:45.840
eine Karriere machen können? Wie war denn da Ihr Erfolgsrezept?
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00:02:45.840 --> 00:02:47.759
- Ich hatte überhaupt keine Planung,
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00:02:47.759 --> 00:02:53.800
da über die Politik irgendeine Karriere zu machen. Ich konnte mir durchaus vorstellen,
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00:02:53.800 --> 00:02:59.159
ich war immer ehrenamtlich in der Gewerkschaft tätig, war Bezirkspersonalratsvorsitzender
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00:02:59.159 --> 00:03:05.879
und habe da meine Interessen gehabt. Aber ich konnte mir vorstellen, in der Gewerkschaft
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00:03:05.879 --> 00:03:11.240
mal was zu machen. Hauptamtlich ist nie dazu gekommen, aber politisch, das war überhaupt
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00:03:11.240 --> 00:03:17.560
nicht auf meiner Agenda. Ich habe es gemacht, weil es mich interessiert hat und weil wenn
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00:03:17.560 --> 00:03:22.840
man was anfängt, will man es auch ordentlich machen.
So kam Schritt für Schritt.
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00:03:22.840 --> 00:03:27.360
- Und auch zur Rente haben Sie sich ja wiederholt und klar geäußert im Laufe Ihrer langen
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00:03:27.360 --> 00:03:33.280
Karriere. Und da konnte es dann auch schon mal vorkommen, dass Sie in einer Rede die
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00:03:33.280 --> 00:03:38.840
Position des politischen Gegners, als ich zitiere wörtlich, „Quatsch mit Soße“ bezeichnet
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00:03:38.840 --> 00:03:43.800
haben. Waren Sie in der SPD zeitweise so etwas wie die Abteilung Abtacke, so ähnlich wie
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00:03:43.800 --> 00:03:49.599
der Uli Hoeneß beim FC Bayern München?
- Nein, es ging mir wirklich da um die Sache, um die
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00:03:49.599 --> 00:03:53.680
Art der Vorschläge. Ich glaube, Sie reden von einem Vorschlag damals von Frau von der
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00:03:53.680 --> 00:04:02.560
Leyen, mit der ich später viel zu tun hatte. Aber ein Vorschlag, dass das Lebensalter
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00:04:02.560 --> 00:04:07.439
verlängert werden soll, unabhängig von der Art der Tätigkeit, das habe ich einfach
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00:04:07.439 --> 00:04:15.120
für populistisch gehalten und nicht der Realität der Menschen entsprechend. Und diesen Vorschlag
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00:04:15.120 --> 00:04:22.759
hatte ich damals so bezeichnet.
- Wo Sie von der Art der Tätigkeit sprechen.
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00:04:22.759 --> 00:04:28.920
Sie sind damals der Erste gewesen, der Nachbesserungen bei der Rente mit 67 gefordert hat.
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00:04:28.920 --> 00:04:33.600
Dabei nannten Sie das inzwischen legendär gewordene Beispiel vom Dachdecker, der einfach nicht
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00:04:33.600 --> 00:04:39.360
so lange auf den Dächern herumspazieren könne und haben damals dann dafür auch eine
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00:04:39.360 --> 00:04:44.240
Ehrung erhalten von der Dachdecker-Innung. Haben Sie die noch heute bei sich zu Hause?
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00:04:44.240 --> 00:04:50.360
- Ja, das war keine schriftliche Ehrung, sondern eine Ernennung zum Ehrendachdecker. Aber es
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00:04:50.360 --> 00:04:56.759
ging mir gar nicht darum, sondern mir war immer wichtig, dass die Menschen, die betroffen
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00:04:56.759 --> 00:05:02.560
sind von einer politischen Entscheidung oder Überlegung, dass sie verstehen, worum es einem
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00:05:02.560 --> 00:05:10.199
geht. Und es ging natürlich auch darum, ein griffiges Beispiel zu wählen. Man hätte auch
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00:05:10.199 --> 00:05:17.199
die Krankenschwester in der Notaufnahme nennen können und so weiter. Aber das mit dem Dachdecker,
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00:05:17.199 --> 00:05:26.360
das war mir damals gegenwärtig, weil da ist in der Staatskanzlei das Dach ein riesiges
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00:05:26.360 --> 00:05:32.519
Schieferdach gerade repariert worden. Die Leute sind da oben rum, ja, geturnt muss man
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00:05:32.519 --> 00:05:38.720
schon sagen. Und dann kam dieser Vorschlag, Rente mit 67 und dann ist mir dieses Bild
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00:05:38.720 --> 00:05:45.519
eingefallen. Und ich glaube, da kann jeder begreifen, was eben realistisch ist und was
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00:05:45.519 --> 00:05:51.600
eben nur zur Rentenkürzung unter dem Strich beiträgt. Denn wenn die Leute früher gehen
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00:05:51.600 --> 00:05:56.480
müssen mit Abschlägen, dann ist es nichts anderes als eine Rentenkürzung, weil die Realität
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00:05:56.480 --> 00:06:00.680
eben eines solanges Arbeiten nicht möglich macht. Das war der Vorschlag. Ich bin später
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00:06:00.680 --> 00:06:05.319
dafür verspottet worden. Aber mir war wichtiger, dass die Betroffenen mich verstehen.
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00:06:05.319 --> 00:06:10.720
- Die Liste der Ehrungen und Auszeichnungen, die ihnen zuteil wurden und der Ordnung und
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00:06:10.720 --> 00:06:14.079
Preise, die man ihnen verliehen hat, wenn man die mal alle so untereinander schreibt,
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00:06:14.079 --> 00:06:19.680
dann hat man deutlich mehr als nur eine DIN A4-Seite. Von dieser Vielzahl der Ehrungen und
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00:06:19.680 --> 00:06:25.120
Auszeichnungen, ist Ihnen da irgendeine besonders ans Herz gewachsen oder besonders im Gedächtnis
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00:06:25.120 --> 00:06:29.759
geblieben? Würden Sie da eine oder andere besonders hervorheben wollen?
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00:06:29.759 --> 00:06:37.279
- Ja, gerade solche mit der Realität eben auch einhergehende Ehrungen. Dazu gehören die
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00:06:37.279 --> 00:06:41.879
angesprochene von den Dachdeckern. Der hängt hier gerade an der Wand.
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00:06:44.879 --> 00:06:45.920
Wollen wir unterbrechen?
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00:06:46.040 --> 00:06:48.759
- Nein, nein, da ruft gerade die Dachdecker-Innung an.
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00:06:51.279 --> 00:06:57.120
Also hier hinter mir an der Wand hängt noch eine Urkunde, die die Belegschaft von Opel-Kaiserslautern
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00:06:57.120 --> 00:07:02.199
ausgestellt hat, weil ich mich damals für die Erhaltung des Werkes auch erfolgreich
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00:07:02.199 --> 00:07:06.560
zusammen mit den Gewerkschaften und mit den Betriebsräten einsetzen konnte. Oder ich
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00:07:06.560 --> 00:07:13.839
bin Ehrenwerker, auch der Pfälzer-Flugzeugwerke geworden, da haben wir ja auch für die Erhaltung
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00:07:13.839 --> 00:07:19.040
damals zusammen mit der katholischen Kirche gekämpft. Also solche Dinge, auf die bin ich
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00:07:19.040 --> 00:07:25.600
auch stolz, aber durchaus auch Ehrenhaltwerksmeister geworden zu sein. Das hat ja auch mit Realität
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00:07:25.600 --> 00:07:30.240
und Lebensnähe von Menschen einer großen, wichtigen Gruppe zu tun.
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00:07:30.639 --> 00:07:35.040
- Ja, ich würde sagen, das ist sehr uneitel. Sie hätten ja auch sagen können, hier meine
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00:07:35.040 --> 00:07:39.800
Festchrift zum 65. Geburtstag, das hat auch nicht jeder Politiker, dass er zum 65. Geburtstag
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00:07:39.800 --> 00:07:44.120
ein Buch für ihn herausgegeben wird mit allen seinen Reden. Das ist ja ein schönes Denkmal
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00:07:44.120 --> 00:07:45.519
für ein Politiker eigentlich.
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00:07:45.519 --> 00:07:53.480
- Es ist manchmal ganz interessant zu gucken. Ich habe es auch getan. Es gibt noch mal ein
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00:07:53.480 --> 00:07:58.560
umfangreicheres Buch mit wirklich allen Reden, die ich im Landtag gehalten habe. Das ist
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00:07:58.560 --> 00:08:05.160
so eine Schwarte. Aber mal zu gucken, wann hatte man denn eine Idee, die dann später
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00:08:05.160 --> 00:08:12.079
auch in die Realität, manchmal nur teilweise, aber doch in die Realität umgesetzt werden konnte.
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00:08:12.079 --> 00:08:17.160
Oder wie werden Dinge gesehen, die man mal als Vorschläge ins Parlament eingebracht
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00:08:17.160 --> 00:08:22.000
hat, im Lichte der Entwicklungen der Jahre und Jahrzehnte. Ganz interessant.
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00:08:22.000 --> 00:08:27.439
Ja, Sie haben ja schon früh darauf hingewiesen, dass bei einer zunehmenden Verschiebung der
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00:08:27.439 --> 00:08:32.600
Alterszusammensetzung, die Finanzierung der Rente mit den jetzigen Mechanismen nicht mehr
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00:08:32.600 --> 00:08:38.080
zu bewältigen sei. Aus Ihrer heutigen Sicht, welche Mechanismen würden Sie aktuell befürworten,
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00:08:38.080 --> 00:08:41.919
damit die Altersvorsorge weiterhin auf einem soliden Fundament bleibt?
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00:08:41.919 --> 00:08:48.600
Ich glaube, ganz entscheidend ist die Grundvoraussetzung, gute Löhne, gleich ordentliche Beiträge zur
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00:08:48.600 --> 00:08:54.159
Rentenversicherung, gleich eine ordentliche Rente und eine Stabilisierung auch des Gesamtsystems.
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00:08:54.159 --> 00:09:00.600
Also insoweit war mir bei abnehmender Tarifbindung immer wichtig, dass wir diesen Gedanken des
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00:09:00.600 --> 00:09:07.399
Mindestlohns vorantreiben. Dafür ist man auch ja böse bekämpft worden lange Zeit und
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00:09:07.399 --> 00:09:13.960
dieses Zerrbild „dann gehen Millionen von Arbeitsplätzen verloren“, ist einem entgegengehalten
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00:09:13.960 --> 00:09:19.679
worden. Das kam Gott sei Dank nicht so. Heute haben wir einen Mindestlohn von 12 Euro.
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00:09:19.679 --> 00:09:25.960
Aber es gibt auch andere Dinge. In Rheinland-Pfalz war das als erstes Land Realität ein sogenanntes
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00:09:25.960 --> 00:09:36.320
„Tariftreuegesetz“ geschaffen. Das heißt, wenn das Land oder die Kommunen im Land Rheinland-Pfalz
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00:09:36.320 --> 00:09:42.600
Aufträge vergeben, dann muss der Auftragnehmer nachweisen, dass er entweder tarifgebunden ist
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00:09:42.600 --> 00:09:51.559
oder den Mindestlohn bezahlt, als Mindestvoraussetzung.
Und das hat schon dazu geführt, glaube ich,
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00:09:51.559 --> 00:09:57.000
dass Leute sich überlegt haben, wenn ich keine öffentlichen Aufträge mehr kriege, dann ist mir
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00:09:57.000 --> 00:10:03.120
doch lieber, wenn ich einen Tarifvertrag abschließe. Also solche Dinge sind ja ganz wichtig und
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00:10:03.120 --> 00:10:08.639
darüber hinaus, glaube ich, müssen wir uns auch weitere Gedanken machen.
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00:10:08.639 --> 00:10:10.399
- In Ihrer Autobiografie,
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00:10:10.399 --> 00:10:16.440
da schreiben Sie, Deutschlands Zukunft ist eine aktive Bürgergesellschaft. Was verstehen Sie darunter?
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00:10:17.519 --> 00:10:23.799
- Es geht mir darum, dass wir unsere repräsentative Demokratie, die sich, glaube ich, im hohen Maße
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00:10:23.799 --> 00:10:31.200
bewährt hat, ergänzen durch Elemente der Aktivierung der Gesellschaft. Ich habe darüber
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00:10:31.200 --> 00:10:38.120
auch ein kleines Buch geschrieben, das heißt „Politik geeredet“. Und da habe ich entwickelt, entlang von
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00:10:38.120 --> 00:10:43.879
kommunaler Zuständigkeit, wie kann man die Bürgerinnen und Bürger stärker beteiligen.
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00:10:43.879 --> 00:10:52.279
Der Stadtrat macht ein Gesamtkonzept für eine Stadt. Er muss den Finanzrahmen, der zur Verfügung steht,
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00:10:52.279 --> 00:10:59.639
mittelfristig auch festlegen. Aber dann könnte man aus der bürgerschaftlichen Verantwortung heraus
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00:10:59.639 --> 00:11:06.879
Städteplanung, also für einen Stadtteil beispielsweise entwickeln. Wie sollen die
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00:11:06.879 --> 00:11:12.879
Spielplätze aussehen, wo sollen die Kinderkarten hin und so weiter. Und das von der Planungsidee mit
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00:11:12.879 --> 00:11:19.840
den Fachleuten zusammen und dann die Umsetzung gehen und später von der Betreuung her auch in
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00:11:19.840 --> 00:11:26.639
die Hand einer Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern geben, die sich freilich dann auch für eine gewisse
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00:11:26.639 --> 00:11:32.759
Zeit verpflichten müssten, die Verantwortung auch wahrzunehmen. Ich finde, solche Dinge können die
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00:11:32.759 --> 00:11:38.840
Demokratie festigen und auch weiterbringen.
- Das würde auch ein stärkeres Ehrenamt, dieses
120
00:11:38.840 --> 00:11:41.600
Engagement der Bürgerinnen und Bürger bedeuten.
- So ist es.
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00:11:41.600 --> 00:11:43.639
- Da sind Sie ja eigentlich auch immer
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00:11:43.639 --> 00:11:48.799
so ein bisschen mit leuchtendem Beispiel vorangegangen.
Sie haben in Ihrem Leben viele
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00:11:48.799 --> 00:11:52.720
Ehrenämter ausgeübt, übrigens auch bei der deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz in
124
00:11:52.720 --> 00:11:58.360
Speyer. Da waren Sie in der Selbstverwaltung, in der Vertreterversammlung. Ich denke, das ist ja
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00:11:58.360 --> 00:12:04.200
das Parlament der Rentenversicherung und ein sehr schönes Beispiel dafür, also zwar von Ehrenamtlern
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00:12:04.200 --> 00:12:10.919
besetzt, aber mit hochkarätigen Aufgaben betraut. Unter anderem wird der Haushalt dort verabschiedet
127
00:12:10.919 --> 00:12:15.559
und ich denke mal, das ist ein schönes Beispiel dafür, dass man das Ehrenamt auch in hohen
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00:12:15.559 --> 00:12:22.039
gesellschaftlichen und politischen Bereichen vorfinden kann. Das ist eine gute Sache.
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00:12:22.039 --> 00:12:28.720
Aber wir müssen uns auch noch ein paar unangenehmeren Dingen zuwenden. Wir leben ja gegenwärtig in einer
130
00:12:28.720 --> 00:12:34.679
Welt der multiplen Krisen. Mit Ihrem heutigen Erfahrungsschatz und mit Ihrem heutigen Abstand,
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00:12:34.679 --> 00:12:40.759
was bereitet Ihnen angesichts der aktuellen Situation Sorgen und was stimmt Sie eventuell
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00:12:40.759 --> 00:12:45.759
sogar zuversichtlich?
- Also die größte Sorge ist natürlich,
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00:12:45.759 --> 00:12:49.879
dass die Hemmschwelle für kriegerische Auseinandersetzungen wieder sinkt.
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00:12:50.120 --> 00:12:55.440
Wir haben erlebt nach 1945 dann eine Neubesinnung Schritt
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00:12:55.440 --> 00:13:00.399
für Schritt. Wir haben dann die Wiedervereinigung erlebt, mit einer Aussöhnung West-Ost, die
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00:13:00.399 --> 00:13:06.600
Stacheldrähte sind abgebaut worden und so weiter. Die Mauer durch Berlin ist abgerissen worden und
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00:13:06.600 --> 00:13:12.480
wir alle hatten die Hoffnung, jetzt haben wir eine lange, lange Phase der Vernunft und wir können
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00:13:12.480 --> 00:13:19.240
uns auf Bekämpfung des Hungers weltweit auf Klimaherausforderungen konzentrieren und vieles mehr.
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00:13:20.080 --> 00:13:32.879
Und, dass in der Welt an ganz vielen Stellen jetzt geradezu diktatorisch arbeitende Regierungen
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00:13:32.879 --> 00:13:39.759
am Werk sind. Gott sei Dank ist gerade einer abgewählt worden in Brasilien. Aber dass auf
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00:13:39.759 --> 00:13:45.799
der anderen Seite auch jemand wie Putin da unterwegs ist und versucht für sich und seine
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00:13:45.799 --> 00:13:51.480
Oligarchenfreunde die Macht und das heißt die Ausbeutung des eigenen Landes dadurch abzusichern,
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00:13:51.480 --> 00:13:59.639
dass er Feinde nach außen wieder dekliniert und dass er groß russische Wahnvorstellungen entwickelt
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00:13:59.639 --> 00:14:05.720
und daraus einen Krieg jetzt gegen die Ukraine. Das hat man sich kaum noch vorstellen können. Da
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00:14:05.720 --> 00:14:13.080
müssen wir sehr aufpassen, dass wir nicht wieder in eine kriegerische Phase der Zukunft hineinrutschen.
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00:14:13.080 --> 00:14:20.759
Wenn wir sehen, dass in China jetzt immer offener mit kriegerischer Zurückeroberung von Taiwan
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00:14:20.759 --> 00:14:29.320
geredet wird, dann sind das solche erschreckenden Beispiele. Den muss man gegenhalten, rational.
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00:14:29.320 --> 00:14:34.519
Es hat keinen Sinn nicht zu reden miteinander. Man muss miteinander reden, aber auch klare
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Positionen haben mit Gewalt Grenzen nach außen zu verändern. Das muss geächtet sein weltweit.
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- Sie verfügen ja über eine umfangreiche Lebenserfahrung sowohl was die Politik aber
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auch was das normale Berufsleben betrifft. Was würden Sie einem jungen Menschen mit auf den Weg
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geben wollen, der heute vor der Frage seiner Berufswahl steht?
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- Sich gründlich informieren und es gibt viele Angebote,
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das muss man sagen. In der Pandemiezeit war das ein bisschen eingeschränkt, aber jetzt
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lebt das ja wieder auf. Jobbörsen, Berufsausbildungsbörsen etc. wo man Beruf kennenlernen kann. Ich glaube,
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dass die Schulen wieder noch stärker darauf setzen sollten, dass Berufspraktika vorgeschaltet werden
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und dann selber in sich gehen, mit den Eltern beraten, wo sie dann meine Fähigkeiten und dann
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Entscheidungen treffen. Immer nur Abitur und Studium muss nicht automatisch gesetzt sein. Eine
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gute Berufsausbildung ist ebenso ein hervorragender Weg um ein Leben gut gestalten zu können.
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Das wäre mein Rat. Sehr individuell werden dann die Antworten aussehen.
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- Vielleicht noch eine abschließende Frage.
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Was würden Sie denn einem jungen Menschen heute mit Blick auf die
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Altersvorsorge raten, falls man da überhaupt einen Ratschlag geben kann? Ich glaube, dass wir vor
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allen Dingen und das ist nicht eine Sache des Einzelnen, sondern der Gesellschaft darauf achten
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sollten, dass wir die bewährten Absicherungen nicht infrage stellen. Ich halte die gesetzliche
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Rentenversicherung für die entscheidende Grundlage für eine gute Altersvorsorge der breiten Mehrheit
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der Bevölkerung und glaube, dass wir uns in ihrer Stärkung das zentrale Ziel vornehmen sollten für
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die Zukunft. Das muss natürlich bedeuten, dass wir bisherige Finanzierungsformen, paritätisch
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Arbeitgeber, Arbeitnehmer, ist ja auch schon mal schiefgehängt worden, zugunsten der Arbeitgeber.
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Also ich glaube, dass wir die Parität aufrechterhalten sollten. Ich glaube darüber hinaus,
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dass wir Elemente hinzufügen sollten des Anreizes, wenn man körperlich, geistig kann,
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auch durchaus vom Alter her länger zu arbeiten, aber dies eben nicht mit Zwangsentscheidungen
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verbinden. Ich glaube jetzt Rente mit 67 ist ziemlich das oberste Ende der Fahnenstange,
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dass wir gehen können. Wenn man die Chance hat, in einem Betrieb zu arbeiten, in dem es auch eine
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Betriebsrente ergänzend gibt, ist das sicher eine gute Sache. Und darüber hinaus schweben mir Elemente vor,
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wie vielleicht über tarifliche Regelungen dafür zu sorgen, dass Berufe, die besonders fordernd sind,
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also ich sage mal Bauberufe im Tiefbau, im Straßenbau. Ich habe gerade letzten Sommer jetzt
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wieder, wenn man so unterwegs ist, gesehen, Leute, die bei diesen hohen Temperaturen dann
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den Autobahnen neue Asphaltschichten aufgebracht haben. Wer so arbeiten muss und dringend gebraucht
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wird, das gilt auch für die Bäckerin oder den Bäcker und für viele andere Berufe. Ich glaube,
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da sollten wir anstreben, tarifliche Regelungen zu schaffen, wo ein Teil dessen, was man erarbeitet,
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was man an Spielräumen hat, dann für eine Altersversorgung, für Punkt-in-der-Altersversorgung
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eben eingezahlt wird, sodass die Leute, wo die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht bis 67 arbeiten
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können, dann vielleicht mit 63 oder 64 ausscheiden können, ohne die hohen Abschläge hinnehmen zu
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müssen. Also Kreativität und wenn der Staat dann solche Abschlüsse begleitet dadurch, dass sie als
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Lohnbestandteile abgabenfrei gestellt werden, dann wäre das schon ein Anreiz ,auch für die Arbeitgeber.
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Ich finde, solche Dinge müssen wir durchdeklinieren, wenn ich an das Gastgewerbe
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beispielsweise denke. Wir haben in Rheinland-Pfalz einen solchen Ansatz mal geschaffen, es haben
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eine Reihe von Betrieben auch mitgemacht, um ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu binden. Also
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Kreativität, ohne immer nur zu schreien. Jetzt muss man, hat ja gerade der Arbeitgeberpräsident
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wieder von sich gegeben, jetzt muss man darüber reden, dass man bis 70 eben arbeitet. Das Lebensalter
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und Lebensarbeitszeit in einem Verhältnis zueinander stehen, wie viele Jahre bezieht man den
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durchschnittlichen Rente, ist ja unbestritten. Die Frage ist nur, geben wir Antworten, die eben nicht
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nur bedeuten, „schaffe ich eh nicht, also werde ich vorher berufsunfähig“, mit all den Kosten auch für
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die Rentenversicherung, Reha-Maßnahmen etc. etc. Oder finden wir Wege miteinander, die real sind,
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die aber auf der anderen Seite die Menschen auch nicht überfordern und dieser Gleichung eben
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Beitragshöhe, Beitragszeit und eben Zeit, der Durchschnitt des durchschnittlichen Rentenbezugs in
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ein vernünftiges Verhältnis bringen. Ich glaube da haben wir die Ideenwerkstatt noch nicht ausgereizt.
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- Sagt Kurt Beck, immer ein Mann der klaren Worte, wenn es um seine Positionen zur Rente geht.
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Vielen Dank Kurt Beck, dass wir heute bei Ihnen sein dürfen. Ich denke mal war ein sehr erhellendes
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Gespräch, haben wir sehr viel lernen können, das war auch spannend. Vielen Dank.
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- Danke Ihnen.