Deutsche Rentenversicherung

Auf Föhr Corona hinter sich lassen

Eine zweiteilige Reportage von Anna Goldbach

Datum: 10.01.2023

Eine Reportage (1) von Anna Goldbach – Erstabdruck in: Der Insel-Bote vom 7. Januar 2023 und in: Föhrer & Amrumer Nachrichten vom 7./8. Januar 2023

Wie Long-Covid-Patienten im Reha-Zentrum Utersum behandelt werden

Die Luft ist kalt und klar am Donnerstagmorgen um 9 Uhr. Die aufgehende Sonne taucht den blauen Himmel am Horizont in orangerotes Licht, die Nordsee liegt ruhig da, kein Lüftchen geht. Es ist still. Bis Sonja Peters anfängt zu sprechen. Die Umstehenden lauschen ihr gespannt, setzen um, was die Physiotherapeutin ihnen sagt: "Die Arme weit auseinander, Schultern zurück und atmen. Durch die Nase ein und wieder aus." Jeder in seinem eigenen Tempo. Wir sollen spüren, wie die gute Nordseeluft in unsere Lungen dringt.

Was von außen vielleicht ein wenig skurril aussehen mag, ist Therapie. Genauer: Atemtherapie. "Ich bin erst eine Woche hier, aber ich merke das jetzt schon", berlinert eine Rehabilitandin. Sie lächelt. "Es war die richtige Entscheidung herzukommen". Mit "her" meint sie das Reha-Zentrum Utersum, das sich auf die Behandlung von Krankheiten des Atmungssystems und bei Krebserkrankungen im Bereich der Frauenheilkunde und der Lungenheilkunde spezialisiert hat. Seit Anfang 2021 kommen außerdem Long-Covid-Betroffene, um hier behandelt zu werden. Dabei ist das Reha-Zentrum nicht die einzige Klinik mit einem solchen Angebot auf Föhr. Auch die Nordseeklinik Westfalen in Wyk ist auf Erkrankungen der Lunge und der Atemwege, insbesondere auf die Indikationsspektren COPD/Lungenemphysem, Asthma und Long Covid spezialisiert.

Reha in Utersum: Atemübungen am Strand bei wehendem WindQuelle:Copyright Anna Goldbach Auf Föhr Corona hinter sich lassen

Wir machen mit Intervallatmung weiter. Wieder macht Peters die Übungen vor. Die Rehabilitanden, alle unterschiedlichen Alters, fahren fort. Mir fallen die Übungen leicht. Hände an die Knie, das Luftholen durch die Nase in vier Intervalle einteilen, das Schulternkreisen. Dass die anderen langsamer sind oder Schwierigkeiten mit der Intervallatmung haben, zeigt, wie einschneidend und massiv beeinträchtigend die Erkrankung ist.

"Wir haben damals relativ schnell aus den Erfahrungen anderer Kliniken und dem, was wir der Literatur entnehmen konnten, ein Programm erstellt", erinnert sich Dr. Wolfgang Scherer, Ärztlicher Direktor, der neben mir sitzt, an die Anfänge der Long-Covid-Therapie. Seitdem sei das Programm anhand eigener Erfahrungen und im Austausch mit anderen Kliniken kontinuierlich weiterentwickelt worden.
Mit uns am Tisch haben die Physiotherapeutin Sonja Peters, Björn Rahn, Leiter des Pflegedienstes, und Psychologin Renate Neumann Platz genommen. Er ist stolz darauf, dass die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Psychologie und allen therapeutischen Bereichen sowie den Ärzten so gut funktioniert, sagt Scherer dann und lässt den Blick über die Anwesenden schweifen. "Das ist ein rundes Ding, die Rückmeldung bekommen wir auch von Patienten", wirft auch Sonja Peters ein.

Aber wie läuft das eigentlich ab, wenn Rehabilitanden neu nach Utersum kommen, will ich wissen. Zunächst werden die Betroffenen von der Fähre abgeholt und zur Klinik gebracht, fängt Scherer zu erzählen an. Er spricht ruhig und unaufgeregt. "Seit Corona bekommen sie dann erstmal einen Abstrich."
Das ist bis heute so. Täglich testen sich die 190 Rehabilitanden, einen Mundschutz müssen sie – außer bei Außenaktivitäten – in der Klinik tragen. "Daher hatten wir als eine der wenigen Kliniken auch noch keinen Ausbruch", so Scherer. Zum Glück, sagt er. Denn ein Corona-Ausbruch unter Menschen, die an Atemwegserkrankungen leiden, wäre fatal.

Danach werden die Personen auf ihr Zimmer gebracht. Dabei macht sich das Pflegepersonal ein Bild davon, wie es um den Zustand des Patienten steht. Anschließend erfolgen Gruppenveranstaltung und die Aufnahme durch einen der Ärzte und eine anschließende Sichtung durch Fachärzte. Letzteres nimmt etwa eine Stunde in Anspruch. Und die braucht es auch, wie Scherer erzählt: "Manchmal kommen Patienten und sagen, dass wir die ersten sind, von denen sie sich ernst genommen fühlen." Die müssten sich dann erstmal den Ballast von der Seele reden.

Auf Grundlage der Gespräche und Untersuchungen wird dann ein individueller Therapieplan erstellt. Dabei unterscheiden sich die Anwendungen in solche, die verordnet werden und solche, aus denen die Erkrankten frei wählen können. "Das ist allerdings kein Muss", so Wolfgang Scherer. Wer platt ist und seine Ruhe braucht, kann sich rausziehen aus den freiwilligen Aktivitäten.

Eines der freiwilligen Angebote ist das Bogenschießen. Durch die Bäume blitzt Sonne auf die Wiese im Waldstück hinter der Klinik an diesem Donnerstagvormittag. Ein bisschen hat es sich zugezogen, doch noch hält das Wetter. Drei Frauen bauen hier gerade ihre Zielscheiben auf, legen sich gegenseitig geübt den Armschutz an.

Geschickt legt Christine, Rehabilitandin, den Pfeil an. Den Blick hat sie fest nach vorn aufs Ziel gerichtet, sie spannt den Bogen, öffnet dabei automatisch den Brustkorb, lässt los. Nur knapp verfehlt der Pfeil sein Ziel, der nächste aber sitzt. Bogenschießen habe sie hier in Utersum zum ersten Mal probiert, erzählt sie mir. "Es macht unwahrscheinlich viel Spaß", sagt die Frau in der knallroten Jacke.

„Manchmal kommen Patienten und sagen, dass wir die ersten sind, von denen sie sich ernstgenommen fühlen.“
Zitat Dr. Wolfgang Scherer Ärztlicher Direktor

So ganz glauben kann ich das noch nicht. Aber Christine lässt sich nicht stoppen, schießt einen Pfeil nach dem anderen ab. "Das hat fast etwas Meditatives", sagt sie, ihre Augen strahlen. "Man muss sehr fokussiert sein – das holt einen total raus, weil man an nichts anderes denkt." Na gut. Christine hat mich überzeugt.

Physiotherapeutin Sonja Peters reicht mir zunächst den Übungsbogen, erklärt Stand und Haltung. Dann geht es los. Obwohl der Bogen einer der leichtesten ist, erfordert das Spannen etwas Kraft. Ich bin beeindruckt, dass die drei Patientinnen so souverän mit dem Gerät umgehen. So gezielt wie sie, kann ich die Sehne nicht zurückziehen. "Und loslassen", sagt Sonja Peters – mein Pfeil trifft und ich muss unwillkürlich an Christine, die zwei Plätze weiter steht, denken. Ich kann verstehen, wieso die meisten täglich herkommen, um zu schießen.

Wer beispielsweise an Long Covid leidet, der wird in die entsprechenden Covid-Gruppen und psychologischen Gruppen eingegliedert und erhält eine etwas umfangreichere Funktionsdiagnostik sowie das entsprechende physiotherapeutische Angebot, erklärt Scherer den Therapieplan. Gerade bei Long-Covid-Patienten spielt auch die psychologische Unterstützung eine große Rolle: "Die Menschen werden durch die Erkrankung von heute auf morgen mitten aus dem Leben gerissen", weiß auch Pflegedienstleiter Björn Rahn.

Das hinterlässt Spuren, wie mir einige der Rehabilitanden, die in der Regel drei bis vier Wochen bleiben, bestätigen." Wenn ich zehn Minuten mit dem Hund unterwegs bin, muss ich mich danach erstmal zwei Stunden hinlegen", sagt einer von ihnen. Das Alltägliche wird zur Herausforderung. Wer, wie ich, einen milden Verlauf hatte, kann sich das nur schwer vorstellen. Doch bei den Erzählungen der Betroffenen, wird mir anders.

"In der zweiten Stufe werden die Angebote dann nach den individuellen Zielen der Rehabilitanden ausgerichtet, also beispielsweise Rauchentwöhnung, Schmerztherapie oder Gewichtsreduktion", erläutert der ärztliche Direktor weiter. Im letzten Schritt gibt es noch Einzeltherapie. "Bei den meisten ist die berufliche Wiedereingliederung das Ziel." Denn gerade wer körperlichen Tätigkeiten nachging, wird diese mit Long Covid nur schwer wieder aufnehmen können und sich eventuell für eine Umschulung entscheiden. Ein Patient berichtet sogar davon, dass ihm gekündigt wurde.

"Patienten mit Atemnot profitieren hier alle", sagt Scherer noch. Weitere Symptome einer Long-Covid-Erkrankung sind aber auch Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Fatigue und Erschöpfung. Für Chemotherapie-Patienten gebe es schon lange ein Training, das Gedächtnistraining mit Bewegung verknüpft. Dieses habe man auch auf die Covid-Patienten übertragen. Das funktioniere gut. "Aber wir suchen noch nach besseren Wegen."

Reha in Utersum: Übungen am Strand bei wehendem WindQuelle:Copyright Anna Goldbach Auf Föhr Corona hinter sich lassen



Eine Reportage (2) von Anna Goldbach Erstabdruck in: Der Insel-Bote vom 11. Januar 2023

"Man will ja, aber es funkioniert nicht"

Stefan Borg und Carina Kratz leiden an Long Covid – Reporterin Anna Goldbach hat sie im Reha-Zentrum in Utersum getroffen

Ausgiebige Spaziergänge mit dem Hund. Die haben sowohl Carina Kratz (27) aus Dudenhofen (Rheinland-Pfalz) als auch Stefan Borg (42) aus Flensburg gerne unternommen. Damals. Heute sind die beiden fertig, wenn sie mit ihren Vierbeinern auch nur zehn Minuten vor der Tür waren. "Da muss ich mich erstmal umziehen und ein paar Stunden hinlegen", berichtet Borg. Der Grund: Long Covid.

"Es ist tatsächlich wie ein Schlag aus dem Leben", sind beide sich einig. Stefan, der durch die Erkrankung Rheuma bekommen hat, erzählt, wie er einen Freund in Pinneberg besucht hat. Schon auf der Rückfahrt nach Flensburg habe er gemerkt, wie ihn die Kraft in den Beinen verließ. "Ich saß vier Stunden in meinem Auto zu Hause vor der Tür, bis ich aussteigen konnte", erzählt er. Durch die Rheumaerkrankung und Long Covid kann er seinem Job nicht mehr nachgehen. "Der Körper spielt nicht mehr mit."

Langer Weg zur Diagnose

"Ich habe sofort gemerkt, da stimmt etwas nicht", erzählt Carina, die im April an Corona erkrankte. Schüttelfrost, Fieber – das komplette Programm. Zwei Wochen nach der Infektion lag sie "komplett flach". Die 27-Jährige, die sonst gerne Sport gemacht hat, ist plötzlich mit dem Alltag überfordert. Stößt körperlich an ihre Grenzen. "Ich habe Asthma bekommen und 15 bis 20 Kilo zugenommen", sagt sie. Was dazukommt, ist die psychische Belastung: Denn zunächst heißt es überall nur abwarten. So kurz nach der Infektion könne man noch nicht sagen, ob es sich um Long Covid handele oder ob es "nur" ein schwerer Verlauf sei. Das Tingeln von Arzt zu Arzt begann – Lungenfacharzt, Kardiologe und dann das lange Warten bis zur Diagnose.

Das kennt auch Stefan Borg. Weil er eine "depressive Vorgeschichte" hat, hätten ihn viele Ärzte nicht ernst genommen. Denn die Symptome einer Long-Covid-Erkrankung ähneln zu Teilen denen einer Depression. Vielmals sei er abgewiesen worden: Es sei ein depressiver Schub, kein Long Covid. "Aber ich weiß ja, wie sich das anfühlt", beschreibt Borg. "In einer depressiven Phase bin ich auch müde und antriebslos, aber eher vom Kopf her. Bei Long Covid konnte der Kopf zwar, aber mein Körper hat versagt, was für den Kopf jetzt auch nicht so gut ist." Um so wohler fühlt sich Borg in Utersum, wo er für vier Wochen im Reha-Zentrum der Deutschen Rentenversicherung Bund ist. Hier nimmt man ihn ernst. Sowohl was das Personal angehe, als auch die anderen Rehabilitanden.

"Ich musste mich hier in der Klinik erstmal an den geregelten Tagesablauf gewöhnen", erzählt er dann. Schließlich stehen täglich verschiedene Anwendungen und Therapien auf dem Programm. "Wenn man wirklich mal nicht kann, haben alle Verständnis." Carina nickt zustimmend. Auch, dass die Reha psychologische Betreuung beinhaltet, findet er gut. "Eine schöne Sache", wie er sagt.

Das gilt auch für den "Stammtisch", an dem sich die Long-Covid-Patienten ohne Betreuung durch Klinikpersonal austauschen können. "Da ist es auch okay, wenn jemand den Stammtisch während eines Gesprächs verlässt, weil man es emotional gerade nicht aushält." Verständnis dominiere hier. "Auch in den Gruppen und Therapien kann man immer sagen: Das ist mir gerade zu viel, ich muss jetzt hier raus. Das ist gar nicht so üblich", so die 27-Jährige. Darüber freut sich auch Carina. Wie oft sie gehört habe, dass sie einfach nur mehr Sport machen müsse, kann, lässt sich nicht an einer Hand abzählen. "Man will ja, aber es funktioniert einfach nicht", sagt sie. Was ihr hier auf Föhr wirklich hilft, ist die Atemtherapie. "Ich merke, dass es mir, seit ich hier bin, kontinuierlich besser geht", sagt sie, lächelt. "Hier ist sie viel, viel besser als zu Hause", fügt sie hinzu.

Es mangele an Sensibilität, sagen beide. Gerade von Personen, die einen milden Verlauf hatten, von sich auf die Long-Covid-Patienten schließen und erwarten, dass sich ja alles mit der Zeit geben würde. "Die Leute sehen nur, dass man auf der Couch liegt und denken: die machen ja nichts. Sie verstehen aber nicht, dass ich nichts machen kann."

Was ihr sonst noch auf dem Herzen liegt? "Es ist alles nur noch Corona. Du hast Kopfschmerzen? Es ist Corona! Hier wurden Untersuchungen gemacht, von denen habe ich noch nie gehört", um eben zu
schauen, ob die Leiden und Symptome wirklich an der Long-Covid-Erkrankung liegen oder andere Ursachen haben.

Mittlerweile sind Carina und Stefan wieder abgereist. Mit einem guten Gefühl, wie sie sagen. Und auch, wenn die Entscheidung, nach Föhr zu kommen, "die Beste" war – Carina freut sich wieder auf zu Hause.