Versichertenälteste
Versichertenälteste
Sie sind unsere ehrenamtlichen Expertinnen und Experten und die ersten Ansprechpartner in der Nachbarschaft. Wohnortnah und unentgeltlich beraten sie Versicherte, Rentnerinnen und Rentner in allen Angelegenheiten der gesetzlichen Rentenversicherung. So helfen sie zum Beispiel beim Vervollständigen der Versicherungsunterlagen, beim Ausfüllen von Anträgen und nehmen Anträge entgegen. 96 Versichertenälteste sind für uns im Einsatz. Wir bieten ihnen in regelmäßigen Abständen Schulungen an, in denen sie über Gesetzesänderungen unterrichtet werden sowie neue Kenntnisse erwerben oder vorhandene vertiefen können.
Jubiläum
50 Jahre Versichertenälteste
Es gibt Nachmittage, die bleiben länger in Erinnerung als andere. Weil sie nicht nur ein Programm haben, sondern ein Gefühl. Die Feierstunde im großen Sitzungssaal am 1. Oktober 2025 zum Jubiläum der Versichertenältesten war so ein Nachmittag. Es kamen all diese leisen Heldinnen und Helden zusammen, um auf fünfzig Jahre Ehrenamt und auf unzählige Begegnungen zurückzublicken, die viel mehr bedeuten als Papier und Paragrafen. Direktorin Franziska Heins machte gleich zu Beginn deutlich, was viele im Saal jeden Tag erleben: „Ich bin immer wieder überwältigt, mit welchem Elan Sie diese immer komplizierter werdende Rentenwelt durchdringen“, sagte sie. Viele lächelten, manche nickten, einige schauten zu Boden, so als wollten sie sagen: Ja, das ist unser Alltag. Und gleichzeitig: Gut, dass es jemand ausspricht. Auch der Erste Direktor Thomas Keck fasste sehr treffend zusammen, worum es wirklich geht. Nicht um Titel, sondern um Haltung. „Sie sind die Helfer vor Ort, die Menschen zur Seite stehen, wenn sie Orientierung brauchen.“ Dr. Stefan Nacke, Vorsitzender der Vertreterversammlung, nahm alle mit in das Jahr 1975, als 54 Ehrenamtliche starteten. Und dann blickte er auf eine Szene, die man sich bildlich vorstellen konnte: Irmgard Bobrzik, die erste Frau zwischen lauter Männern. „Da wurde eine Tür geöffnet, die vorher niemand geöffnet hatte“, sagte er. Nacke erinnerte auch an beeindruckende Zahlen: 28.000 Beratungen im Jahr 2024, 9.000 aufgenommene Anträge. Eine Antragsaufnahmequote von 77 Prozent. Und beraten werde immer, selbst während der Corona-Pandemie: Maske auf, Trennwand dazwischen, aber weiter mit Herz und Ruhe. „Sie hören zu“, sagte Nacke. „Und dieses Zuhören ist manchmal wertvoller als jeder ausgefüllte Antrag.“
Selbstverwaltung mit Herz und Haltung
Festredner Peter Weiß brachte auf den Punkt, warum dieses Ehrenamt so wichtig ist. „Sie machen einen großartigen Job. Sie sind das Gesicht der Rentenversicherung“, sagte der Bundeswahlbeauftragte für die Sozialversicherungswahlen. „Ein echtes Gesicht, kein symbolisches.“ Er erinnerte daran, dass die Rentenversicherung den Versicherten gehört. Nicht der Politik, nicht Berlin – den Menschen, die jeden Monat einzahlen. „Dieses Bewusstsein schwindet“, sagte er offen. „Umso wichtiger ist es, dass Sie es weitergeben. Bitte erzählen Sie in jedem Gespräch, warum es Sie gibt. Weiß sprach offen über Herausforderungen. „Versichertenälteste fallen nicht vom Himmel.“ Viele Ehrenamtsstellen seien bundesweit unbesetzt, auch in Westfalen gebe es freie Plätze. Gleichzeitig klang Hoffnung in seiner Stimme, als er sagte, der Koalitionsvertrag verspreche eine Stärkung der Selbstverwaltung. „Vielleicht gehört sie irgendwann sogar ins Grundgesetz.“
Geschichten, die dieses Ehrenamt so besonders machen
In der anschließenden Talkrunde wurde dann richtig sichtbar, wie viel Persönlichkeit in diesem Ehrenamt steckt. Irmgard Bobrzik erzählte von ihrer ersten Schulung 1980 in Münster, in einer Runde voller Männer. „Zehn Jahre lang war ich die einzige Frau“, sagte sie. Andrea Marquard nahm alle mit in ihre Opel-Jahre und in die Erfahrung, dass Engagement oft mehr Türen öffnet, als man ahnt. 35 Jahre im Betrieb, gewerkschaftlich verwurzelt, immer mittendrin. Sie erinnerte an ihre ersten Anträge, die sie damals noch bei der IG Metall aufnahm, und an die regelmäßigen Schulungen. „Wir sind nur so gut wie die Dozenten, die uns jedes Jahr fit machen“, sagte sie. Ein ehrliches Kompliment an die Kolleginnen und Kollegen aus der Hauptverwaltung und den Beratungsstellen. Als Manfred Dinter am 1. Oktober 2005 als Versichertenältester einstieg, begriff er erst nach und nach, wie viel Arbeit in den Beratungen steckt. Heute nimmt er rund hundert Anträge im Monat auf. Der Satz, den er am häufigsten in seinen Beratungen hört? „Ich möchte so früh wie möglich in Rente. Und bitte ohne Abschläge.“ Mit dem letzten Satz des Nachmittags brachte Dr. Stefan Nacke noch einmal alles auf den Punkt: „Fünfzig Jahre Versichertenälteste – das ist eine feste Größe. Keine App und kein Gesetzbuch können ersetzen, was Sie tun. Sie sind unser Markenzeichen.“
Keine Akte. Ein Mensch.
Wenn Vorschriften auf Schicksale treffen, entscheidet sich, wie viel Zusammenhalt eine Gesellschaft wirklich hat. Irmgard Bobrzik arbeitet seit mehr als 45 Jahren genau an dieser Nahtstelle zwischen Akten und Leben, als Versichertenälteste ehrenamtlich und mit großer Haltung.
Es ist kein dramatischer Moment, keiner, der laut wäre oder große Gesten braucht. Es ist dieser eine Satz, der fast beiläufig fällt und doch alles erzählt: „Das hat sonst immer mein Mann gemacht.“ Dann öffnet sich der Wohnzimmerschrank, und mit ihm ein ganzes Leben. Ordner stehen schief nebeneinander, lose Umschläge rutschen heraus, alte Briefe liegen zwischen Rechnungen. Irgendwo hier müssen die Unterlagen für die Witwenrente sein. Irmgard Bobrzik sitzt am Tisch, sieht zu und sagt ruhig zu der älteren Frau, die sie berät: „Suchen Sie ganz in Ruhe.“ Seit 1980 macht Bobrzik genau das. Sie bleibt sitzen, wenn Menschen den Überblick verloren haben. Sie hört zu, wenn jemand nicht weiß, wo er anfangen soll. Zusammenhalt ist für sie kein abstrakter Begriff, sondern etwas sehr Konkretes: Zeit, Geduld und die Bereitschaft, jemanden nicht allein zu lassen, wenn das Leben kompliziert wird.
Wer zu Irmgard Bobrzik kommt, bringt selten nur einen Antrag mit. Meist sind es ganze Lebensgeschichten, die sich zwischen Rentenverläufen, Bescheiden und Erinnerungen verbergen. Da ist der Übergang in den Ruhestand, der Tod eines Partners, eine Krankheit, die alles verändert hat. Bobrzik ordnet diese Geschichten ein, übersetzt Verwaltungssprache in verständliche Worte und sorgt dafür, dass aus Unsicherheit wieder Struktur wird. Manchmal geschieht das im Büro des Sozialverbands VdK in Bottrop, manchmal am Küchentisch, manchmal an Orten, an denen andere lieber nicht so genau hinschauen. Zusammenhalt heißt für sie auch, dorthin zu gehen, wo Hilfe gebraucht wird.
Montags ist Beratungstag beim VdK, an den übrigen Tagen berät Irmgard Bobrzik, nach Absprache, die Menschen meist bei sich zu Hause oder unterstützt Versicherte bei Bedarf in der Wohnungslosenhilfe. Die Unterlagen kommen nicht immer ordentlich sortiert. Manchmal stecken sie in einer Plastiktüte, zusammen mit Quittungen, alten Briefen und Dingen, die auf den ersten Blick nichts mit Rente zu tun haben. Für Bobrzik ist das kein Problem. Sie weiß, dass sich hinter jeder Lücke im Versicherungsverlauf oft eine Geschichte verbirgt, die Zeit braucht.
Als Irmgard Bobrzik 1980 über die Sozialwahl zur Versichertenältesten gewählt wird, rechnet sie nicht damit. Sie steht weit hinten auf der Liste. Damals arbeitet sie beim Haushaltsgeräte-Hersteller Krups, ist Betriebsrätin und Sicherheitsbeauftragte, politisch engagiert und daran gewöhnt, sich durchzusetzen. Dennoch ist der Moment prägend: 54 Versichertenälteste, und sie ist die einzige Frau. Zehn Jahre lang bleibt das so. „Was andere können, kann ich auch“, sagt sie sich und bleibt. Heute ist Irmgard Bobrzik mit 86 Jahren die älteste aktive Versichertenälteste der DRV Westfalen. Unter den 96 Ehrenamtlichen sind inzwischen 20 Frauen (Stand Februar 2026).
Was man für dieses Ehrenamt braucht, bringt Irmgard Bobrzik auf den Punkt, ohne große Worte zu machen. Es sind Disziplin, Ehrlichkeit und Sachverstand, vor allem aber ein feines Gespür für Menschen. „Man ist nicht nur Fachkraft, sondern in vielen Fällen auch Seelsorger“, sagt sie. Wichtig ist ihr dabei immer die Klarheit: Versichertenälteste entscheiden nicht über Renten. Sie erklären Wege, helfen beim Antrag und bleiben ansprechbar. Dass diese Arbeit gebraucht wird, zeigen die Rückmeldungen der Versicherten und die Tatsache, dass Bobrzik nach all den Jahren noch immer mit derselben Ruhe am Tisch sitzt.
Versichertenälteste Irmgard Bobrzik
Man ist nicht nur Fachkraft, sondern in vielen Fällen auch Seelsorger.Irmgard Bobrzik, Versichertenälteste
Zusammenhalt vor Ort
Versichertenälteste beraten ehrenamtlich und kostenlos. Sie helfen beim Ausfüllen von Rentenanträgen, erklären Zusammenhänge und geben Orientierung. Damit stärken sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt dort, wo er ganz praktisch gebraucht wird.
Wie werde ich Versichertenälteste?
Sie benötigen eine Nominierung durch eine Gewerkschaft, Arbeitnehmervereinigung oder sonstige freie Wählerliste. Die Vertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung wählt Sie auf Vorschlag dieser Organisationen. Die Wahl findet alle sechs Jahre nach den Sozialwahlen statt. Bewerben können Sie sich trotzdem jederzeit. Wenn Versichertenälteste aus unterschiedlichen Gründen ihr Ehrenamt aufgeben, werden freie Mandate neu besetzt.
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?
Sie müssen volljährig, gesetzlich rentenversichert und aktiv im Job oder im Ruhestand sein, Mitglied einer Gewerkschaft oder Arbeitnehmervereinigung sein und einen Wohnsitz im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Rentenversicherung haben.
Wo kann ich mich melden?
Bei Interesse wenden Sie sich an Ihre Gewerkschaft, an eine Arbeitnehmervereinigung oder freie Wählerliste.
Helferin / Helfer in der Nachbarschaft
Neben unseren Versichertenältesten kümmern sich Versichertenberaterinnen und Versichertenberater sowie Versichertenälteste anderer Träger um die Anliegen der Versicherten in Westfalen. Sie alle zusammen sind unsere Helferinnen und Helfer auch in Ihrer Nachbarschaft.
Helferinnen und Helfer in der Nachbarschaft gesucht?
Diese Informationen sind Bestandteil des digitalen Jahresberichts für das Jahr 2025. Der Bericht ist am 15. Juli 2026 erschienen.