Eine Frage der Gerechtigkeit: Betriebsprüfung
Betriebsprüfung
Die korrekte Berechnung und Abführung der Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist Grundvoraussetzung für die Akzeptanz des Lohnabzugverfahrens und der solidarischen Finanzierung. Aber es ist auch für jeden einzelnen Beschäftigten wichtig. Da die Bemessungsgrundlage der Beiträge ausschlaggebend ist für die spätere Rente, profitieren auch unsere Versicherten häufig von unseren Nachberechnungen.
Vor Ort und digital
Die Deutsche Rentenversicherung führt mindestens alle vier Jahre Betriebsprüfungen durch. Innerhalb dieser Zeit prüfen wir 134.329 Betriebe in Westfalen vor Ort beim Arbeitgeber beziehungsweise bei deren Steuerberaterinnen und Steuerberatern sowie digital mittels der elektronisch-unterstützenden Betriebsprüfung (euBP). Die euBP deckt mittlerweile einen Großteil der Prüfaufgaben ab, wie auch die Zahlen für 2025 in der Grafik zeigen. Unsere Betriebsprüferinnen und Betriebsprüfer sparen dadurch Reisezeiten und können sich verstärkt ihren Prüfungsaufgaben widmen, die zu prüfenden Arbeitgeber ersparen sich den Vor-Ort-Besuch und die damit verbundenen Aufwände.
Neben der korrekten Berechnung und Abführung des Gesamtsozialversicherungsbeitrags prüfen unsere Betriebsprüferinnen und Betriebsprüfer auch für die Künstlersozialkasse und die Unfallversicherung. Im Jahr 2025 wurden so insgesamt 31.229.515,80 Euro an Beiträgen nachgefordert. Bei 1.012 Arbeitgebern Künstlersozialabgaben in Höhe von 912.625,38 Euro nachberechnet und Entgeltdifferenzen in Höhe von 84.715.525,00 Euro bei den unfallversicherungsrelevanten Daten aufgedeckt.
Im Kampf gegen Schwarzarbeit: Anlassprüfungen
Ob Lohnsplitting, Schwarzlohnzahlungen, Lohndumping durch nicht gezahlte Mindestlöhne oder Scheinselbstständigkeit - schwarze Schafe gibt es leider immer wieder. Im Jahr 2025 wurden uns durch die Zusammenarbeit mit den Behörden der Zollverwaltung 192 Verdachtsfälle übermittelt, die zu Anlassprüfungen führten. Insgesamt haben die letzten Jahre deutlich gezeigt, dass es im Bereich der Schwarzarbeit und illegalen Beschäftigung vermehrt organisierte Formen der Schwarzarbeit gibt. Im Ergebnis der Überprüfungen wurden von uns 190 Fälle beanstandet und 16.105.261,93 Euro an Gesamtsozialversicherungsbeiträgen sowie 14.160.284,00 Euro an Säumniszuschlägen nachgefordert.
Betriebsprüferin Nicole Breitenkamp und ihr Riecher fürs Verborgene
Quelle: DRV Westfalen
Wenn Nicole Breitenkamp zur Betriebsprüfung kommt, wird es oft erst einmal still im Raum. Schließlich geht es um Zahlen, Beiträge und mögliche Fehler. Doch die 38-Jährige kommt nicht, um jemanden bloßzustellen. Seit fast zehn Jahren prüft sie Unternehmen für die Deutsche Rentenversicherung – mal zwischen Aktenordnern, mal mitten im Kita-Alltag, immer auf der Suche nach den kleinen Fehlern mit großer Wirkung.
Montagmorgen, kurz nach zehn. Nicole Breitenkamp sitzt an einem Schreibtisch, der nicht ihrer ist. Vor ihr stehen zwei Bildschirme, daneben liegt ein Notizbuch, vollgeschrieben mit Vermerken, Pfeilen und Zahlen. Geprüft wird längst digital, mit Laptop und elektronisch übermittelten Daten. Trotzdem schreibt Nicole Breitenkamp vieles noch mit der Hand auf. Die Chefin des Unternehmens proVedi, das die Verwaltung für zahlreiche Kindertageseinrichtungen übernimmt, lehnt sich zu ihr herüber, zeigt auf eine Abrechnung, beide diskutieren leise über eine Meldung aus dem vergangenen Jahr. Draußen fährt ein Lieferwagen vor, irgendwo klingelt ein Telefon. Alltag eben. Und mittendrin: Nicole Breitenkamp.
Wer den Begriff „Betriebsprüfung“ hört, denkt vermutlich zuerst an unangenehme Post, lange Gesichter und jemanden, der mit strengem Blick Fehler sucht. Nicole Breitenkamp erlebt meistens etwas Anderes. „Ich finde das gut, wenn die kommen“, hat proVedi-Chefin Angelika Herzer gleich zu Beginn gesagt. Und sie meint das tatsächlich ernst. Seit fast zehn Jahren arbeitet Nicole Breitenkamp im Betriebsprüfdienst der Deutschen Rentenversicherung Westfalen. Davor war sie bei einer Krankenkasse tätig, absolvierte ein duales Studium mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft und lernte die Sozialversicherung von einer anderen Seite kennen. Der Wechsel zur Rentenversicherung war damals eher Zufall als Plan. Geblieben ist sie wegen eines Berufs, der Freiheit, Verantwortung und Menschenkontakt verbindet.
Rund 300 Unternehmen prüft sie pro Jahr – große, kleine, Kitas, Steuerbüros, Familienbetriebe. Sie schaut nach, ob Sozialversicherungsbeiträge korrekt gezahlt wurden, ob Meldungen stimmen und Beschäftigte richtig angemeldet sind. Dafür blickt sie nicht nur in die Lohnbuchhaltung, sondern auch in die Finanzbuchhaltung – etwa, wenn es darum geht zu beurteilen, ob Gesellschafter-Geschäftsführer korrekt eingestuft sind oder vermeintlich Selbstständige tatsächlich selbstständig arbeiten. Ein Bereich, der in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Klingt trocken, ist es aber erstaunlich selten. Vielleicht liegt das daran, wie Nicole Breitenkamp über ihren Beruf spricht. Nicht wie über Kontrolle, sondern eher wie über Detektivarbeit. „Man entwickelt irgendwann einen Riecher“, sagt sie und lacht. „Wie ein Trüffelschwein.“
Dieser Riecher führt sie durch Zahlenkolonnen, digitale Meldungen und manchmal auch direkt hinein in den Alltag anderer Menschen. Nicole Breitenkamp hat schon Prüfungen auf Sofas gemacht, während nebenan Kindergeburtstag gefeiert wurde. Sie saß in winzigen Dachgeschossbüros zwischen meterhohen Ordnerstapeln und in modernen Unternehmen mit gläsernen Besprechungsräumen. „Jeder Betrieb ist anders“, sagt sie. „Genau das mag ich daran.“ Und vielleicht ist genau das der Punkt: Hinter jeder Prüfung stecken Menschen. Arbeitgeber, die versuchen, alles richtig zu machen. Beschäftigte, für die Fehler später Folgen haben können. Und manchmal auch einfach Überforderung. „Fehler im Lohn merkt man oft gar nicht“, sagt Angelika Herzer. „Und wenn doch, dann meistens erst viel später.“ Nicole Breitenkamp weiß das. Deshalb tritt sie nicht auf wie jemand, der nur nach Problemen sucht. Sie erklärt viel, fragt nach, nimmt Unsicherheiten ernst. „Viele sind am Anfang total nervös“, verrät sie. „Und hinterher sagen sie dann: War ja gar nicht so schlimm.“
Dabei bleibt sie trotzdem hartnäckig. Wenn ihr etwas komisch vorkommt, lässt Nicole Breitenkamp nicht locker – wie ein Trüffelschwein eben. Überstunden, die falsch abgerechnet wurden. Minijobs, die eigentlich keine mehr sind. Dinge, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, aber wichtig werden können. „Wenn ich merke, da passt etwas nicht zusammen, dann gucke ich genauer hin.“ Was sie dabei entdeckt, führt nicht nur zu Nachforderungen. Häufig sorgt die Korrektur auch dafür, dass Versicherte Ansprüche bekommen, die ihnen zustehen, und später Leistungen auf einer richtigen Grundlage berechnet werden können. Genau darin liegt für Nicole Breitenkamp der Sinn ihrer Arbeit: Dass am Ende nicht nur Zahlen stimmen, sondern Menschen bekommen, was ihnen zusteht.
Dass sie dabei meistens allein unterwegs ist, gehört für sie dazu. Nicole Breitenkamp mag diese Mischung aus Eigenverantwortung und Freiheit. Sie plant ihre Prüfungen selbst, arbeitet mal im Homeoffice, mal direkt vor Ort in den Unternehmen. Als sie vor zehn Jahren angefangen hat, fühlte sie sich oft unsicher. Außendienst, Gespräche mit Geschäftsführern, komplizierte Fälle. All das musste sie erst lernen. Heute wirkt sie ruhig und selbstverständlich in ihrem Job.
Kurz vor Mittag lehnt sie sich zurück, schaut noch einmal über ihre Unterlagen und macht einen Haken hinter den nächsten Fall. Dann klappt Nicole Breitenkamp ihr Notizbuch zu und packt ihre Sachen zusammen. Morgen sitzt sie an einem anderen Schreibtisch. Nicht an ihrem eigenen. Aber wieder genau dort, wo ihre Arbeit gebraucht wird.
Diese Informationen sind Bestandteil des digitalen Jahresberichts für das Jahr 2025. Der Bericht ist am 15. Juli 2026 erschienen.