Nachrichten Sommer 2026

Kompass in stürmischen Zeiten

Frau im Wald Quelle: iStock

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages bahnen sich ihren Weg durch die Wolken. Noch vorsichtig wärmen sie das Grün des Rasens im Bad Schwalbacher Kurpark. Aber nicht nur die Vögel, die fleißig zwitschern, sind an diesem Maimorgen schon wach. Eine kleine Gruppe in Sportkleidung und mit bunten Gymnastikstangen nutzt die frühen Stunden im Kurpark zum Dehnen. „Es geht darum, direkt mit einem guten Körpergefühl in den Tag zu starten, die Muskeln zu lockern und mit den ersten Tagesstrahlen zu aktivieren“, erklärt Inka Wende. Die Sporttherapeutin der Klinik am Park sucht mit ihren psychosomatischen Patientinnen und Patienten ganz bewusst das frühe Tageslicht: „Draußen, selbst wenn bedeckter Himmel ist, ist die Lichtaufnahme viel besser. Wir saugen direkt Licht und Vitamin D in uns auf. So fühlen wir uns ganz natürlich sofort besser.“

Psychische Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. In Deutschland sind jährlich etwa 27 Prozent der Erwachsenen betroffen. Die Zahlen steigen seit Jahren an. Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf und der häufigste Grund für Frühverrentungen. Psychotherapien, psychiatrische Kliniken, Selbsthilfegruppen oder auch Seelsorge-Angebote helfen Betroffenen, ihre Erkrankungen zu behandeln und mit diesen umgehen zu lernen. Auch die psychosomatische Rehabilitation ist ein wichtiger Baustein, um den Weg zurück in den (Berufs-)Alltag zu meistern. Dazu gehört natürlich weit mehr als der richtige Start in den Tag.

TIPP: Fit in den Morgen

Nutzen Sie die ersten Sonnenstrahlen direkt für sich. schon fünf bis zehn Minuten an der frischen Luft direkt nach dem Aufstehen helfen, die Muskeln zu aktivieren, Spannungen zu lösen und durch das aufgenommene Vitamin D positiver in den Tag zu starten.

Korbflechten mit den Händen Quelle: DRV Hessen Klinik am Park: Korbflechten als Teil der Ergotherapie

Vom Rücken zur Reha

„Manchmal, wenn man genau hinschaut, kann man hier sehen, wie es einer Person an einem bestimmten Tag ging“, erzählt Frank Kühnl, Ergotherapeut im Bad Nauheimer Rehabilitationszentrum am Sprudelhof. In der Hand hält er einen kleinen Korb, den eine Patientin vor Kurzem mit Peddigrohr geflochten hat. Mit dem Finger zeigt er die feinen Maserungen der geflochtenen Stäbe, die die Arbeit mehrerer Wochen dokumentieren. In der Ergotherapie gehe es darum, „ins Machen“ zu kommen, sich einem Projekt widmen zu können, bei dem man komplett abschalten kann, aber auch um: Fehlertoleranz. „Wie gehe ich damit um, wenn es mal an einem Tag nicht so klappt, wie ich es möchte? Wenn der Korb an einer Stelle nicht perfekt ist? Und trotzdem steht am Ende der Reha ein Erfolgserlebnis.“ Denn was als Stück Holz und lange Stäbe beginnt, endet als fertiger Korb, der seinen Weg mit nach Hause findet.

Die Krankheitsbilder, die in einer psychosomatischen Reha behandelt werden, sind vielseitig. Zu den häufigsten gehören Depressionen, Angststörungen, Burnout, das chronische Erschöpfungssyndrom und Anpassungsstörungen. Aber auch so genannte somatoforme Störungen werden behandelt. Hierbei handelt es sich um körperliche Beschwerden, für die keine organische Ursache festgestellt werden kann, zum Beispiel verschiedene Schmerzen oder Magen- und Darmprobleme.
Die steigenden Zahlen der Betroffenen in der Bevölkerung spiegeln sich auch in den Reha-Kliniken wider. „Vom Rücken zur Reha“ betitelt der aktuelle „Reha-Atlas“, der jährlich Zahlen, Fakten und Trends zu Reha-Leistungen der Deutschen Rentenversicherung zusammenfasst, die Entwicklung in der medizinischen Rehabilitation. Denn: Der Anteil der medizinischen Reha-Leistungen für Erwachsene aufgrund psychischer Erkrankungen stieg von etwa 15,3 Prozent im Jahr 2000 auf 20,5 Prozent im Jahr 2024. Nach der Orthopädie ist die Psychosomatik der größte Bereich mit knapp 200.000 Rehabilitationen jährlich. Bei den Patientinnen und Patienten unter 40 Jahren machen psychosomatische Reha-Maßnahmen sogar den größten Anteil aus.

TIPP: Bewusste Auszeiten nehmen

Sich einen Ausgleich und regelmäßige Auszeiten neben dem Beruf zu schaffen, hilft dabei, einem Burnout und weiteren stressbedingten psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Zeit mit Freundinnen und Freunden, Sport, Musik hören oder auch ein handwerkliches oder kreatives Projekt – suchen Sie sich etwas, das zu Ihnen passt und Ihnen Freude bereitet.

Ein Kompass, der den Weg zurück in den Alltag zeigt

„Es sind stürmische Zeiten, eine Zeit vieler Belastungen und Probleme. Was hier helfen kann, ist ein Kompass, der den Weg leitet“, beschreibt Christin Nestler und zeigt auf den gezeichneten Kompass, den das Blatt Papier zwischen ihr und der Rehabilitandin zeigt. Sie ist Psychologin in der Klinik Kurhessen in Bad Sooden-Allendorf und hilft in einem Einzelgespräch wie diesem, dass Rehabilitierende das Steuerrad ihres Lebens wieder selbst in die Hand nehmen können. Das Bild des Kompasses stammt aus der Akzeptanz- und ­Commitment-Therapie (ACT). Für die Wegrichtung ist es wichtig herauszufinden, welche Werte einem besonders wichtig sind. Zum Beispiel Freundschaft. „Sie haben mir erzählt, dass längere Spaziergänge, die Sie früher mit Freunden gemacht haben, aktuell durch Ihre Erkrankung nicht möglich sind. Der Wert kann aber gleichbleiben. Wir können Wege finden, diesen trotzdem zu erreichen. Zum Beispiel durch ein langes Telefonat abends oder ein Treffen im Café?“

Bei der psychosomatischen Reha wird das Zusammenspiel aus Körper, Psyche und sozialen Einflüssen in den Blick genommen. Es geht darum, Bedingungen, die die Erkrankung wohl psychische als auch körperliche Symptome zu lindern. An erster Stelle steht, die Lebensqualität zu verbessern und Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln, um wieder am Leben teilnehmen zu können – privat wie beruflich. So individuell wie die Psyche jedes Einzelnen ist deshalb auch der Therapieplan in der psychosomatischen Reha. Ärztinnen und Ärzte arbeiten mit Expertinnen und Experten aus der Psychologie, der Physio- und Ergotherapie sowie Sozialarbeitenden interdisziplinär zusammen.

TIPP: Passende Ziele setzen

Nehmen Sie sich nicht zu viel vor, sondern setzen Sie sich stattdessen realistische Ziele, die sich in Ihren Alltag übertragen lassen. Es hilft, die Ziele SMART zu formulieren. Diese Abkürzung steht für Spezifisch – Messbar – Attraktiv – Realistisch – Terminiert. Das vage Ziel, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, könnte zum Beispiel so aussehen: Jeden Mittwochabend gehe ich eine Stunde Inlineskaten.

Gruppe beim Yoga Quelle: DRV Hessen Rehabilitationszentrum am Sprudelhof: Yoga im Freien

Bausteine der psychosomatischen Reha

Bewegung

Ring-Hockey, Klettern, Nordic Walking, Wassergymnastik und vieles mehr – die Therapien in der Sport- und Bewegungstherapie sind vielseitig. Das Ziel: Freude an Bewegung finden, Stress abbauen, fitter werden, die Körperwahrnehmung stärken und Selbst­bewusstsein aufbauen. Die Physiotherapie hilft durch gezielte Übungen, Massagen und physikalische Therapien, die mit Druck, Wärme, Kälte und Elektrizität arbeiten, die körper­lichen Beschwerden zu lindern.

Ernährung

Essen, was einem guttut – eine gesunde und ausgewogene Ernährung spielt eine wichtige Rolle für das Wohl­befinden und auch die psychische Gesundheit. Ernährungsberaterinnen und -berater, die genau zu diesem Thema schulen, gehören deshalb zum Team in der psychosomatischen Reha. 

Kreativität

Kunst, Musik oder auch gestalterisches Arbeiten kann dabei helfen, sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen und eine Ausdrucksform dafür zu finden. Die Therapien in diesem Bereich sind aber auch ein Ort, bei einem eigenen Projekt abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. 

Gespräche

In Gesprächsgruppen, aber auch Eins-zu-Eins-Gesprächen mit Psychologinnen und Psychologen, lernen Rehabilitandinnen und Rehabilitanden, sich mit der eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen, Routinen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln und sich realistische Ziele zu setzen.

Entspannung

Eine Reha bedeutet immer auch, aus der Alltagsroutine auszubrechen und sich bewusst Zeit zu nehmen. Entspannungstraining, zum Beispiel Yoga, Qi-Gong, Autogenes Training, Meditationen oder Muskel­entspannungen, unterstützen als feste Therapien dabei, Stress zu lösen.

Wissen

Die eigene Erkrankung verstehen – Schulungen, Vorträge und Beratungen helfen dabei, die Ursachen und Zusammenhänge zu verstehen, aber auch neue Strategien für eine gesunde Lebensführung und die Stressbewältigung zu entwickeln.

Rehaantrag stellen und weitere Infos unter www.deutsche-rentenversicherung.de

Marie Huhn, Unternehmenskommunikation

„Erst Feuer und Flamme, dann ausgebrannt“

Immer mehr Menschen leiden in Deutschland an einem Burnout. Tim Wagemann, Ärztlicher Direktor des Rehabilitationszentrums am Sprudelhof, über Warnzeichen und die Rolle der Reha.

Was verstehen Sie aus medizinischer Sicht unter einem Burn­out? 

Das Wort Burnout ist Englisch und heißt ausgebrannt. Menschen, die an einem Burnout erkrankt sind, erleben einen Zustand der totalen Erschöpfung, des Nicht-mehr-Könnens. Sie haben sich in ihrem Job verausgabt. Sie sind nicht mehr in der Lage, den Anforderungen in ihrem Berufsalltag nachzukommen. 
Wie sehen erste Anzeichen aus? 

Von einem Burnout betroffene Menschen haben ursprünglich für ihren Job gebrannt, sie waren Feuer und Flamme. Der Prozess ist oft schleichend, man erkennt es beispielsweise aber daran, dass sie sich zunehmend zurückziehen und Interessen verlieren. Betroffene können aber auch zynisch wirken, die Ernsthaftigkeit bei der Arbeit fehlt. 

Wie kann einem Burnout vorgebeugt werden? 

Primär ist es wichtig, eine gute Balance zwischen Arbeit und Entspannung zu finden, zum Beispiel durch eine gute Freizeitgestaltung, Zeit mit dem eigenen Freundeskreis, aber auch indem man Urlaub macht und sich krankmeldet, wenn man wirklich nicht mehr arbeiten kann. 

Welche Rolle kann eine Reha spielen? 

In der Reha haben wir feste Behandlungskonzepte für Burn­out-Betroffene. Die Reha soll dazu beitragen, dass Erkrankte wieder am normalen Leben und am Berufsleben teilnehmen können. Der Tag in der Reha ist fest strukturiert. Zum umfangreichen Programm gehören zum Beispiel Gesprächsgruppen, Entspannungstherapie, Musik- und Kunsttherapie und Bewegungsangebote, aber auch Vorträge und Schulungen, um die eigene Erkrankung besser verstehen zu können. 

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Inhalt des Dossiers

  1. Kompass in stürmischen Zeiten
  2. Stark zu fünft
  3. Waisenrente für Volljährige
  4. Renten steigen höher als erwartet
  5. Das Rentenmobil tourt durch Hessen
  6. Vorsicht, falsche Rentenversicherung!
  7. Bits und Bots
  8. Neuste Technik für Versichertenälteste
  9. Mitspracherecht kommt an