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„Wir dürfen die Rente nicht zu stark von den Löhnen abkoppeln“

Gundula Roßbach im Interview mit der Süddeutschen Zeitung

Foto von Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund
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Die neue Präsidentin der Rentenversicherung, Gundula Roßbach, über Armut im Alter, wie man mit fünf Euro im Monat vorsorgen kann und was sie davon hält, Beamte in die Pflicht zu nehmen.

Interview: Thomas Öchsner



Es ist ihr erstes Interview, das sie als Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung gibt: In Gundula Roßbach, 52, leitet seit 1. Januar erstmals eine Frau die Behörde, die an 20,8 Millionen Rentner Geld auszahlt. Roßbach hält nichts von pauschalen Horrorszenarien beim Thema Alterssicherung. Sie sagt aber auch: Nicht nur für Geringverdiener kann es schwierig werden.

Frau Roßbach, was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorge, wenn Sie an die Zukunft der gesetzlichen Rente denken?

Roßbach: Im Moment ist die Situation wesentlich besser, als viele Bürger vielleicht vermuten. Der Beitragssatz liegt mit 18,7 Prozent unter dem Niveau Mitte der Achtzigerjahre. 1986 kamen auf einen Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren noch vier 20- bis 64- Jährige, heute sind es nur noch drei. Trotzdem ist der Beitragssatz niedriger. Auch beim Rentenniveau, das das Verhältnis der Rente eines langjährigen Durchschnittsverdieners zum aktuellen Durchschnittslohn ausdrückt, sieht es besser als erwartet aus. Es beträgt derzeit 48 Prozent des Durchschnittslohns vor dem Abzug von Steuern. Vor ein paar Jahren haben wir mit weniger gerechnet.

Das wird nicht so bleiben, und deshalb machen sich viele Bürger Sorgen. Sie nicht?

Wir rechnen damit, dass die Beiträge bis 2021 stabil bleiben können. Danach werden sie bis auf 21,8 Prozent im Jahr 2030 ansteigen. Auch das Rentenniveau bleibt bis 2021 weitgehend konstant, bis 2030 sinkt es dann voraussichtlich auf unter 45 Prozent. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir eine massenhafte Altersarmut in Zukunft befürchten müssen.

Schon jetzt gibt es immer mehr arme Alte. Seit 2003 hat sich die Zahl der Menschen, die mit mindestens 65 Jahren auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sind, mehr als verdoppelt. Ohne diejenigen, die sich scheuen, Hilfe zu beantragen. Ist das kein Alarmsignal?

Ja, die Zahlen sind gestiegen. Deshalb müssen wir diese Entwicklung sehr genau im Auge behalten. Ich halte aber nichts von pauschalen Horrorszenarien. Zurzeit bekommen gerade einmal etwa drei Prozent der Menschen über 65 zusätzlich zu ihrer Rente Grundsicherung. Um Altersarmut künftig zu begrenzen, müssen wir bei Menschen ansetzen, bei denen das Risiko besonders hoch ist, im Alter arm zu sein.

Wer ist hier besonders gefährdet?

Besonders groß ist das Risiko bei den Erwerbsminderungsrentnern, die im Durchschnitt mit 50 Jahren wegen einer Krankheit vorzeitig aufhören mussten, ganz oder voll zu arbeiten. Wer erstmals auf eine solche Rente angewiesen ist, bekam 2015 im Durchschnitt 672 Euro. Aber hier hat die Bundesregierung schon einiges verbessert und wird es noch weiter tun. Eine weitere Problemgruppe sind die Solo-Selbständigen mit oft unstetigen Erwerbsbiografien. Die sind mal abhängig beschäftigt, mal selbständig, sind also mal drinnen in der Rentenversicherung und mal wieder draußen. Und oft wird in den Phasen der Selbständigkeit privat nicht besonders viel in anderen Alterssicherungssystemen aufgebaut. Betroffen sein können auch Langzeitarbeitslose, für die ja keine Rentenversicherungsbeiträge mehr bezahlt werden.

Jetzt haben Sie die Niedrigverdiener vergessen, die größte Gruppe. Allein in Ostdeutschland verdienen 40 Prozent der Beschäftigten weniger als zehn Euro die Stunde. Wird so Altersarmut nicht doch zu einem Massenproblem?

Die Politik hat ja direkt oder indirekt dazu beigetragen, die Alterssicherung zu verbessern, etwa durch den Mindestlohn oder die Versicherungspflicht für Mini-Jobs. Man sollte sorgfältig prüfen, was darüber hinaus zu tun bleibt. Man muss aber auch ehrlich sagen: Für Menschen, die über lange Zeit Geringverdiener waren und nicht zusätzlich fürs Alter vorgesorgt haben, kann es schwierig werden. Die Rentenversicherung ist ein Spiegelbild des Arbeitslebens. Wir können fehlende oder nur geringe Beiträge nicht komplett ausgleichen, obwohl wir eine Menge zu bieten haben.

An was denken Sie dabei? Viele junge Menschen befürchten, von ihrer Rente ohnehin nichts oder nicht mehr viel zu sehen.

Das stimmt so sicherlich nicht. Richtig ist, es hat Einschnitte bei den Leistungen gegeben, um den Beitragssatz auch künftig nicht zu stark steigen zu lassen. Im Gesetz festgelegt ist aber eine Untergrenze, die ein zu starkes Absinken des Leistungsniveaus verhindern soll. Zugleich hat der Gesetzgeber entschieden, dass die Sicherung des Lebensstandards nicht mehr allein durch die Rentenversicherung erfolgen soll. Deshalb sollten die Jüngeren zusätzlich privat oder betrieblich vorsorgen, um die Einschnitte auszugleichen.

Die Menschen hören aber immer nur, dass das Rentenniveau sinkt.

Ja, es sinkt, und zwar deshalb, weil die Renten in der Regel nicht so stark steigen wie die Löhne. Aber vielen ist zum Beispiel nicht klar, dass die Rente künftig nicht sinkt, sondern regelmäßig steigen wird. In den vergangenen zehn Jahren sind die Rentenerhöhungen sogar höher ausgefallen als der Anstieg der Lebenshaltungskosten. Auch die Jüngeren können mit ihren Einzahlungen mit positiven Renditen in der Rentenversicherung rechnen. Und das ist nicht alles: Wir bieten Leistungen für Prävention und Rehabilitation. Wir zahlen den Rentnern die Hälfte ihres Krankenkassenbeitrags. Wir bieten Schutz bei einer Erwerbsminderung – ohne Gesundheitsprüfung. Diese Leistung privat abzusichern kann schwierig sein, wenn Sie wegen einer Vorerkrankung als Risikofall gelten.

Die Rente allein wird jedoch nicht ausreichen, um den Lebensstandard zu halten.

Das hat ja der Gesetzgeber so entschieden. Deshalb empfehle ich, unsere Renteninformationen zu lesen, die wir einmal im Jahr verschicken. Die Versicherten können sich so ein realistisches Bild von ihrer eigenen künftigen Rente machen und ihre zusätzliche Altersvorsorge besser planen. Je früher die Menschen sich damit beschäftigen und zusätzlich privat oder betrieblich vorsorgen, desto besser. Dabei geht es ja darum, über einen langen Zeitraum, etwas zurückzulegen und von Zins und Zinseszinsen zu profitieren.

Sie setzen also immer noch auf die Riester-Rente, obwohl CSU-Chef Horst Seehofer sie bereits für gescheitert erklärt hat?

Mit Pauschalkritik bin ich immer vorsichtig. Wir haben immerhin mehr als 16 Millionen Verträge. Und von der Förderung profitieren zu einem großen Teil Menschen mit unterdurchschnittlichen Einkommen. Über 60 Prozent der Zulagenempfänger haben ein Einkommen von unter 30 000 Euro, fast 25 Prozent sogar nur ein Einkommen von weniger als 10 000 Euro im Jahr. Ich finde das gar nicht so schlecht.

In fast ein Fünftel der Verträge wird aber nichts mehr eingezahlt. Nicht mal die Hälfte der Riester-Sparer spart so viel, dass sie die staatlichen Zulagen voll erhalten. Die Bundesregierung rechnet langfristig mit einer Verzinsung von vier Prozent. Diese ist derzeit viel niedriger, ganz abgesehen von den teilweise extrem hohen Kosten.

Es gibt zweifellos berechtigte Kritik daran, wie manche Riester-Verträge ausgestaltet sind. Dabei werden aber die Vorteile vergessen: Frauen mit Kindern, die gerade nichts oder sehr wenig verdienen, können zum Beispiel schon mit einem Mindestbeitrag von fünf Euro monatlich die vollen staatlichen Zulagen von mehreren Hundert Euro erhalten. Wer richtig spart, den Vertrag nicht vorzeitig stilllegt, die Produkte genau miteinander vergleicht und einen kostengünstigen Anbieter findet, kann von der Riester-Rente profitieren.

Nun wird ja viel darüber diskutiert, was sich gegen die Armut der nächsten Rentner-Generation tun lässt. Sind sie dafür, beim Rentenniveau eine neue Untergrenze einzubauen oder es zu erhöhen?

Wenn wir über das Einziehen von Leitplanken in der Rentenversicherung reden, sollten wir immer an zwei Haltelinien denken, eine für den Beitragssatz und eine für das Rentenniveau. Das eine darf nicht zu stark steigen, das andere nicht zu stark sinken. Wir dürfen die Rente nicht zu stark von den Löhnen abkoppeln. Das Einziehen solcher Haltelinien, die es ja bis 2030 bereits gibt, über diese Zeit hinaus, halte ich für notwendig.

Halten Sie also ein Rentenniveau von 50 Prozent plus x für zu teuer?

Wie gesagt: Man muss das Leistungsniveau und den Beitragssatz im Auge behalten. Wir haben uns bei den Rentenreformen nun einmal darauf verständigt, weder den Rentnern noch den Beitragszahlern einseitige Lasten aufzubürden, und das halte ich für richtig und sozial gerecht. Hinzu kommt ein anderer Punkt.

Und der wäre?

Ein höheres Rentenniveau ist sicherlich kein Allheilmittel für die Probleme der Risikogruppen, über die wir vorhin gesprochen haben. Eine Studie unseres Forschungsnetzwerks Alterssicherung zeigt, dass ein Viertel der Empfänger der staatlichen Grundsicherung im Alter gar keine gesetzliche Rente bezieht. Weitere 40 Prozent erhalten weniger als 400 Euro. Diesen Personengruppen würde eine Anhebung des Rentenniveaus nicht helfen, sie wären weiter auf Grundsicherung angewiesen.

Sollten wir stattdessen länger arbeiten und das reguläre Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung koppeln?

Im Moment wird die Rente mit 67 schrittweise eingeführt. Und bis dahin dauert es ja noch ein bisschen. Erst von 2031 an liegt das reguläre Renteneintrittsalter bei 67 Jahren. Diesen Weg sollten wir zunächst weitergehen. Und was danach angeht: Ich bin kein Freund davon, zu sagen, wir koppeln den Eintritt in die Rente automatisch an die Lebenserwartung. Bei einer solchen automatischen Festlegung der Altersgrenze wird übersehen, dass sich die wirtschaftliche Lage oder die gute Situation am Arbeitsmarkt ändern kann. Außerdem müssen wir mehr dafür tun, damit die Menschen tatsächlich auch länger im Berufsleben bleiben können.

Wäre es nicht auch hilfreich, wenn man Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen würde?

Wir sollten uns zunächst auf das Mögliche und Machbare beschränken, was in naher Zukunft zu schaffen ist. Da denke ich vor allem an die Selbständigen, die nicht in einem Pflichtsystem abgesichert sind. Die sollten wir verpflichten, sich bei uns zu versichern. Alles andere wäre eine Herkulesaufgabe, die sich jedenfalls auf absehbare Zeit kaum umsetzen lässt.

Das Gespräch führte Thomas Öchsner

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7. Februar 2017

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