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Rückblick auf vergangene Reha-Kolloquien

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Rückblick

28. Reha-Kolloquium | 15th Congress of EFRR 2019 in Berlin

Allgemeines

Vom 15. bis 17. April 2019 haben über 1.500 Reha-Expert*innen aus 22 Ländern in Berlin über aktuelle Entwicklungen und die neuesten Ergebnisse in der Rehabilitationsforschung diskutiert. Anlass war das 28. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium, das in diesem Jahr zusammen mit dem 15. Kongress des European Forum for Research in Rehabilitation (EFRR) stattfand. Die Tagung wurde vom Bereich Reha-Wissenschaften der Deutschen Rentenversicherung Bund in Kooperation mit der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg, der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW) und dem EFRR veranstaltet.

Tagungsbericht

„Rehabilitation – Shaping healthcare for the future“

Die unterschiedlichen Reha-Systeme in Europa müssen sich fortlaufend weiterentwickeln, um globalen Herausforderungen wie demographischer Alterung, Digitalisierung und Migration angemessen begegnen zu können. Das diesjährige Rahmenthema widmete sich daher der Frage, wie es gelingen kann, die Rehabilitation als globale Gesundheitsstrategie zukunftsfest zu machen. Eine international ausgerichtete und europäisch vernetzte Rehabilitationsforschung kann dies wirksam unterstützen, indem sie Weiterentwicklungsmöglichkeiten aufzeigt und neue Wege zur länderübergreifenden Erschließung, Verbreitung und Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse eröffnet. In der Fachwelt sind sowohl das „Reha-Kolloquium“ als auch der „EFRR-Kongress“ seit Jahren feste Größen: Im deutschsprachigem Raum ist das jährlich stattfindende Reha-Kolloquium sowohl für Forschung und Praxis als auch für Politik und Verwaltung das bedeutendste Forum, um sich über praxisrelevante Ergebnisse zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation auszutauschen. Der EFRR-Kongress ist ein international etablierter Treffpunkt der europäischen Reha-Forschungsszene. Mit der Zusammenlegung der beiden Kongresse erfolgte nun eine wichtige Weichenstellung, um Akteur*innen mit der gleichen Zielsetzung zusammenzubringen, nachhaltig zu vernetzen und voneinander lernen zu lassen.

Eröffnungsveranstaltung

Der Kongress wurde von Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, eröffnet. Frau Roßbach betonte, dass die Rehabilitation einen sehr wichtigen Beitrag dazu leiste, dass Menschen trotz gesundheitlicher Einschränkungen möglichst selbstbestimmt am Leben in der Gesellschaft teilhaben können und sich deshalb auch volkswirtschaftlich lohne. Es sollte selbstverständlicher werden, dass Rehabilitation in Anspruch genommen wird. Die Rehabilitation sollte von Anfang an mitgedacht werden, da sie ein unverzichtbarer Teil der medizinischen Behandlungskette darstelle. Durch den Kongress rücke Europa auf der rehabilitationswissenschaftlichen Ebene enger zusammen: Das unterstütze den Austausch von Wissen genauso wie die Positionierung der Rehabilitation in den Gesundheitssystemen.

„Gute Rehabilitation braucht Innovation und gute Reha-Forschung“, mit dieser Botschaft begrüßte Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die Zuhörenden. Die Weiterentwicklung der Rehabilitation unterstütze die Bundesregierung aktuell u.a. durch die Bereitstellung von Fördermitteln für Forschungs- und Modellprojekte. Allein zur Umsetzung des Bundesprogramms „rehapro“ stünden bis 2026 insgesamt rund eine Milliarde Euro für die Erprobung und Evaluation von innovativen Modellvorhaben zur Verfügung.

Dilek Kolat, Berliner Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, richtete ihr Grußwort stellvertretend für den Regierenden Bürgermeister an die Zuhörenden. Vor allem die trotz positiver sozialrechtlicher Veränderungen durch das „Flexirentengesetz“ nach wie vor geringe Inanspruchnahme der Kinder- und Jugendlichenrehabilitation erfülle sie angesichts der Zunahme von chronischen Erkrankungen im Kinder- Jugendalter mit großer Sorge. Ein zentrales Handlungsfeld bestehe daher im Abbau von Zugangshürden insbesondere für benachteiligte Gruppen wie z.B. Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien.

Für die Deutsche Rentenversicherung Berlin-Brandenburg begrüßte die Geschäftsführerin Sylvia Dünn die Teilnehmenden. Sie betonte, dass das deutsche Rehabilitationssystem einzigartig sei und die Rentenversicherung auf die Leistungsfähigkeit ihrer Rehabilitation stolz sein könne. In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung sei es jedoch unverzichtbar, für die zukünftige Gestaltung der gesundheitlichen Versorgung auch internationale Erfahrungen zu berücksichtigen. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts seien vielfältig und endeten nicht an institutionellen oder nationalen Grenzen. Weiter stellte Frau Dünn heraus, dass es einen Rechtsrahmen für eine nachhaltigere und gegebenenfalls längerfristige Unterstützung eines Stay-at-Work und Return-to-Work Prozesses brauche.

Zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung begrüßte Frau Prof. Frederike van Wijck, 2017 – 2019 Präsidentin des EFRR, die Kongressteilnehmenden. Das Dasein als „Aschenputtel des Gesundheitswesens“ habe die Rehabilitation zwar mittlerweile hinter sich gelassen. Dennoch benötige es weitere Anstrengungen, um die Erfolge der Rehabilitation über Sektoren-, Fach-, und Ländergrenzen hinweg noch sichtbarer zu machen. Mit der Zusammenlegung der beiden etablierten Kongresse sei nun eine wichtige Voraussetzung geschaffen worden, um den Stellenwert der Rehabilitation zu untermauern und Weiterentwicklungsprozesse gemeinsam anzustoßen.

Plenarvorträge

Prof. Christoph Gutenbrunner, Leiter der Klinik für Rehabilitationsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, eröffnete am Montag mit seinem Vortrag „Rehabilitation: International perspectives and global developments“ das wissenschaftliche Programm des Kongresses. Der Arzt und Reha-Wissenschaftler betonte, dass Rehabilitationsangebote in allen medizinischen Versorgungsbereichen und in jeder Behandlungsphase verfügbar sein müssten, um den Bedarfen von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen gerecht werden zu können. Für Betroffene müsste Rehabilitation leicht zugänglich sein, bedarfsgerecht erfolgen sowie den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen. Dies sei auch eine wesentliche Forderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die mit dem Aktionsplan „Rehabilitation 2030: A Call for Action“ für einen globalen Um- und Ausbau der Rehabilitation in den Gesundheitssystemen werbe. Ein konkretes Ergebnis des Aktionsplans sei die kürzlich gegründete Global Rehabilitation Alliance (GRA) mit mittlerweile 15 weltweit im Bereich der Rehabilitation aktiven Mitgliedsorganisationen. Die Arbeit der GRA ziele darauf ab, die Bedeutung der Rehabilitation für eine inklusive Gesellschaft zu betonen, so Gutenbrunner, der als Vizepräsident der GRA auch maßgeblich an der Gründung dieses Bündnisses beteiligt war.

Im Plenarvortrag am Dienstag sprach Frau Prof. Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, über „Intelligent healthcare in a digital society“. Prof. Woopen geht davon aus, dass die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung zu weitreichenden Änderungen führen wird. Es werde zu einer weiteren Auflösung der Grenze zwischen dem medizinischen Bereich im engeren Sinne und dem Life-Style-Sektor kommen. Die traditionelle Krankheitsorientierung werde zunehmend durch eine Gesundheitsorientierung ersetzt. Der Fokus wandere von Schädigungen und Defiziten zu Ressourcen und Perspektiven. Die Rolle des Patienten wandle sich zu einer Rolle als Nutzer und Kunde. Auch die Grenzen zwischen den Sektoren des Gesundheitssystems würden durchlässiger. Diese Entwicklungen müssten aus Sicht von Prof. Woopen durch „ethische Leitplanken“ abgesichert werden, die die Selbstbestimmung des Patienten, den Schutz der Privatheit, eine evidenzbasierte Behandlungsqualität einschließlich Patientensicherheit und gesellschaftlicher Solidarität gewährleisten.

Jan Monsbakken, ehemaliger Präsident des Weltverbandes Rehabilitation International (RI), sprach im Anschluss über „Participation in working life from an international perspective“. Herr Monsbakken führte aus, dass nach wie vor viele Menschen mit Behinderungen beim Zugang zu Gesundheitsversorgung und Beschäftigungen benachteiligt würden. Im internationalen Vergleich gebe Deutschland mit einer Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderungen von knapp 15 Prozent ein gutes Beispiel vor. In Asien etwa liege dieser Anteil bei 80 Prozent. Grundsätzlich müsse ein Umdenken von der Behinderung und auf die Befähigung stattfinden.

Herr Dr. Thierry Keller, Leiter der Abteilung Neurorehabilitation im Technologiezentrum TECNALIA, behandelte am Mittwoch die Thematik „Robotics in rehabilitation“. In seinem Plenarvortrag stellte er aktuelle Einsatzmöglichkeiten für Robotertechnologie in der Rehabilitation dar. Dabei gehe es vor allem um ein gezieltes Training von motorischen Funktionseinschränkungen, u. a. nach Schlaganfall oder schweren Unfällen. Durch die technische Unterstützung könne den Rehabilitanden u. a. eine gezielte Rückmeldung zu ihrem Therapiefortschritt gegeben werden. Damit werde auch die Motivation erhöht. Die Robotertechnik ermögliche zudem eine gezielte Unterstützung von Bewegungen, die sonst nur eingeschränkt trainiert werden könnten. In der aktuellen Entwicklung gehe es u. a. darum, die Geräte so zu gestalten, dass die Rehabilitanden ihr Training zuhause fortsetzen könnten. Große Hoffnungen würden auch in die Entwicklung von sogenannten Exoskeletten gesetzt, die z. B. die Gehfähigkeiten verbessern könnten. Dr. Keller schränkte allerdings ein, dass Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, auch mit dieser Technologie derzeit noch nicht autonom gehen können.

Wissenschaftliches Programm

Aktuelle Forschungsergebnisse und innovative Projekte aus ganz Europa und darüber hinaus wurden in über 200 Vorträgen und 75 Postern vorgestellt. Dabei wurden neben den gemeinsamen Plenarveranstaltungen auch getrennte, parallel stattfindende Programmstränge für das Reha-Kolloquium auf Deutsch und den EFRR-Kongress auf Englisch angeboten. Im Rahmen von zahlreichen Diskussionsforen, „Meet-the-Experts“-Veranstaltungen, DGRW-Updates und Workshops bestand zudem die Möglichkeit, reha-wissenschaftliche Fragestellungen intensiver zu erörtern. Das Konzept des Kongresses zielt auf den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Daher wurden viele Beiträge von Reha-Praktiker*innen präsentiert.

Bei den Vortragsthemen wurde erneut sichtbar, wie vielfältig und interdisziplinär die Reha-Forschung und -Praxis sein kann. Diskutiert wurden u.a. über Return-to-Work, indikationsspezifische Reha-Konzepte, den Einsatz internetbasierter Interventionen, Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Qualitätssicherung und -management, sozialmedizinische Begutachtung, Reha-Zugang, Nachsorge und den Praxistransfer von Forschungsergebnissen.

Einige besonders interessante Ergebnisse sollen im Folgenden kurz beschrieben werden.

Rehabilitation bei Menschen mit Migrationshintergrund

Studien zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund rehabilitative Leistungen seltener in Anspruch nehmen als jene ohne Migrationshintergrund, obwohl sie teilweise sogar einen höheren Reha-Bedarf haben. Auch weisen sie ungünstigere Behandlungsergebnisse auf und kehren nach einer Reha seltener ins Berufsleben zurück. Hierfür können Zugangs- und Wirksamkeitsbarrieren verantwortlich sein, die von Wissenschaftler*innen der Universitäten Bielefeld, Lübeck und Witten/Herde untersucht wurden. Aus den Ergebnissen der Forschergruppe lässt sich der Bedarf ableiten, nicht nur die Behandlungskonzepte selbst, sondern vor allem auch Informations- und Vorbereitungsangebote kultur-, bzw. diversitätssensibler zu gestalten, um Chancengleichheit bei der Inanspruchnahme von Reha-Leistungen zu gewährleisten. Für ihre Arbeit wurden die Forscher*innen mit dem diesjährigen Preis für Rehabilitationsforschung der Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften NRW (GfR) ausgezeichnet.

Wirksamkeit und Evidenzbasierung der Rehabilitation

Der Nachweis der „absoluten“ Wirksamkeit von Rehabilitationsleistungen zählt zu den zentralen Herausforderungen in der Reha-Forschung: Aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen in der rehabilitativen Versorgung, insbesondere aber aus rechtlichen und ethischen Gründen, war es bislang nicht oder nur schwer möglich, randomisierte Vergleichsgruppen mit unbehandelten Versicherten zu bilden. Eine Arbeitsgruppe aus Lübeck hat nun ein Studiendesign entwickelt, das die Untersuchung der absoluten Wirksamkeit der Rehabilitation ermöglicht. Der Ansatz besteht in der proaktiven Ansprache zuvor durch Krankenkassen identifizierter und sich weiter selbst selektierender Versicherter. In einer Studie wurde das Design an der Indikation chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) erprobt. Nach Einschätzung der Wissenschaftler*innen zeigt der bisherige Studienverlauf, dass unter bestimmten Rahmenbedingungen und Vorkehrungen individuell randomisierende kontrollierte Studien auch in der Reha-Forschung machbar sind. Dies wird in der Fachwelt als bedeutender innovativer Studienansatz gewertet. Gleichzeitig geben erste Auswertungen Hinweise auf eine generelle absolute Wirksamkeit und einen Zusatznutzen der CED-Reha im Vergleich zu "usual care".

Den Blick über den nationalen Tellerrand wagen

Oftmals kann der Vergleich mit Lösungsansätzen aus anderen Ländern dazu beitragen, sich der Stärken, aber auch der Grenzen des eigenen Systems bewusst zu werden. Daher wurden im Rahmen einer Podiumsdiskussion beim EFRR-Kongressteil der jeweilige Stellenwert sowie die verschiedenen länderspezifischen Möglichkeiten der Rehabilitation erörtert. Hierfür brachten die acht Mitglieder des EFRR-Councils ihre jeweils länderbezogene Perspektive aus Deutschland, Finnland, Italien, der Türkei, Schottland, Slowenien und Ungarn ein. In zwei hochkarätig besetzten Vortragssessions zum Thema “Return-to-Work and Rehabilitation in Science and Politics” wurden zudem Faktoren und Trends diskutiert, die den Return-to-Work-Prozess in Ländern wie Kanada, Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland bestimmen. Strategien zur Arbeitsplatzorientierung in Deutschland und Österreich wurden in einem Diskussionsforum miteinander verglichen. Die Diskussionen zeigten insgesamt zwar die Unterschiede zwischen den Reha-Systemen auf, verdeutlichten aber auch, dass die grundlegenden Herausforderungen ähnlich sind. Nicht trotz, sondern gerade wegen systembezogener Unterschiede seien Synergie- und Lerneffekte zu nutzen, so das Fazit der Diskutant*innen.

Posterpreise

Die Posterausstellung, die regelmäßig am ersten Veranstaltungstag des Reha-Kolloquiums mit der offiziellen Posterpräsentation eröffnet wird, ist ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Programms. Sie fand in diesem Jahr auf der Galerie im Saal Maritim des Maritim Hotels statt. Die Autorinnen und Autoren hatten zusätzlich die Gelegenheit, ihre Beiträge und Projekte als Kurz-Präsentationen in sechs parallelen Postersessions persönlich vorzustellen und mit dem interessierten Publikum zu diskutieren. Die Posterpräsentationen wurden von Mitgliedern des Programmkomitees, Vertretern und Vertreterinnen der Rentenversicherung sowie Reha-Medizinern und Reha-Medizinerinnen moderiert, die - wie in den Vorjahren - gemeinsam die Posterjury bildeten. Im Anschluss an die Präsentationen wählte die Jury jene 3 Poster als Preisträger aus, die nach ihrer Ansicht ein rehabilitationswissenschaftlich relevantes Thema inhaltlich und gestalterisch am besten umgesetzt hatten. Zusätzlich wurde wie jedes Jahr ein Postersonderpreis vom Publikum gewählt.

Die auf dem 28. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium prämierten Posterbeiträge werden hier kurz beschrieben und gewürdigt.

Erster Posterpreis

Aspekte einer guten und wirksamen Ernährungsberatung aus der Perspektive von Rehabilitanden

Malte Klemmt, Andrea Reusch & Karin Meng

Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Ernährungsbezogene Interventionen sind ein wesentlicher Bestandteil medizinischer Rehabilitationsbehandlungen. Häufig wird in diesem Zusammenhang eine verstärkte Patientenorientierung gefordert, d.h. eine systematische Berücksichtigung von Vorerfahrungen, Meinungen und Bedürfnissen der Patienten bei der Gestaltung der Interventionen.

Die explorative Studie, die auf dem prämierten Poster dargestellt wird, greift diese Forderung auf. Hierzu stützt sie sich auf indikationsspezifische leitfadengestützte Fokusgruppengespräche mit insgesamt 37 Rehabilitanden aus den fünf Indikationsbereichen Kardiologie, Innere Medizin, Psychosomatik, Orthopädie und Onkologie.

Die Rehabilitanden-Äußerungen zu ihren Erfahrungen und Bedürfnissen in Bezug auf ernährungsbezogene Gruppenangebote wurden nach einem differenzierten Kategoriensystem inhaltsanalytisch ausgewertet. Die sorgfältig durchgeführten qualitativen Analysen ergaben vier übergeordnete Kategorien, die - indikationsübergreifend - aus der Perspektive von Rehabilitanden eine gute Ernährungsberatung ausmachen: Eine hohe „Alltagstauglichkeit“ der Schulungsinhalte, vielfältige „praktische Übungen“ zur Umsetzung theoretischer Hinweise, hoher „Individualitätsbezug“ mit Blick auf indikationsspezifische und individuelle Themen sowie eine adäquate „Gestaltung und Vermittlung“ der Schulungsinhalte, die auf eine gute Verknüpfung von Theorie und Praxis der Ernährung abzielt.

Die Ergebnisse werden auf dem Poster strukturiert dargestellt, grafisch ansprechend aufbereitet und durch konkrete Beispiele veranschaulicht. Nach Auffassung der Posterjury ergänzen sie in sinnvoller Weise bereits vorliegende Befunde zur Gestaltung von Patientenschulungen und lassen sich theoretisch und methodisch-didaktisch hervorragend an die einschlägige Forschungsliteratur anbinden. Perspektivisch erscheinen sie damit besonders wertvoll, um Gruppeninterventionen zur Ernährungsberatung orientiert an den Bedürfnissen der Rehabilitanden weiterzuentwickeln.

Zweiter Posterpreis

Rehabilitation seltener schwerer Erkrankungen: Osteoporose bei systemischer Mastozytose – Analyse eines großen Patientenkollektives

Martin Gehlen, Niels Schmidt, Michael Pfeifer, Ana Doina Lazarescu, Michael Schwarz-Eywill, Christian Hinz

Klinik Der Fürstenhof, Bad Pyrmont

Die Studie, über die das Poster berichtet, widmet sich der Diagnostik und Rehabilitation der systemischen Mastozytose. Für Nicht-Mediziner: Hierbei handelt es sich um eine Gruppe seltener Erkrankungen, die unter anderem zu schwerer Osteoporose mit Wirbelkörperfrakturen führen kann und die Erwerbsfähigkeit der Betroffenen bedroht. Da die Patienten bei Erkrankungsbeginn oftmals relativ jung sind, kommt einer frühzeitigen Diagnostik und Therapie aus individueller und sozioökonomischer Perspektive hohe Bedeutung zu.

Ziel der retrospektiven Studie war es abzuschätzen, wie häufig Patienten, die wegen einer Osteoporose eine stationäre medizinische Rehabilitation erhalten, ursächlich unter einer systemischen Mastozytose leiden. Die Ausgangsstichprobe bildeten 7.722 orthopädische Rehabilitanden. Waren spezifische klinische Kriterien gegeben, wurde zur präzisen Diagnostik eine Knochenmarkbiopsie durchgeführt.

Hierdurch wurde bei insgesamt 0.5 % der Patienten erstmals eine systemische Mastozytose als die ursächliche Erkrankung diagnostiziert - im Mittel etwa 5 Jahre nach der Erstdiagnose „Osteoporose“. Unter angepasster medikamentöser Therapie zeichnete sich – gemessen an der Anzahl von Wirbelkörperfrakturen – im Langzeitverlauf über 22 Monate eine Besserung des Krankheitsbilds ab.

Das Poster zeigt nach Auffassung der Jury in gelungener Weise exemplarisch auf, wie im Rahmen der stationären Rehabilitation spezifische medizinische Expertise eingesetzt werden kann, um die Erkennung seltener, ansonsten oftmals nicht diagnostizierter Erkrankungen zu verbessern und eine adäquate Behandlung einzuleiten. Zwar mögen die absoluten Fallzahlen gering sein. Die ursächliche Klärung und Therapie des schwerwiegenden Problembilds sind jedoch hoch relevant; dies gilt gleichermaßen für die betroffenen Patienten wie auch aus sozialmedizinischer Perspektive. Die Ergebnisse der Studie wurden für die Posterpräsentation verständlich und anschaulich aufbereitet.

Dritter Posterpreis

Entwicklung und qualitative Evaluation eines diversitätssensiblen Fragebogens zur Erfassung von Bedürfnissen in der rehabilitativen Versorgung

Tugba Aksakal, Yüce Yilmaz-Aslan, Nurcan Akbulut, Oliver Razum & Patrick Brzoska

Universität Bielefeld und Universität Witten/Herdecke

Die prämierte Forschungsarbeit befasst sich mit einem sehr aktuellen und für die Versorgungspraxis hoch relevanten Thema an, nämlich der „diversitätssensiblen“ Gestaltung der Rehabilitation. Die Heterogenität von Rehabilitand*innen mit Blick auf Merkmale wie Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund stellt Rehabilitationseinrichtungen vor die Herausforderung, die spezifischen Reha-Bedürfnisse der jeweiligen Gruppen zu erkennen und in den Therapien angemessen zu berücksichtigen.

Um dieser Herausforderung zu begegnen, wurde von den Posterautor*innen auf Basis von leitfadengestützten Interviews mit Rehabilitand*innen und Mitarbeitenden in Reha-Einrichtungen ein Erhebungsinstrument mit einer Mischung aus geschlossenen und offenen Fragen entwickelt. Das Vorgehen bei der Konstruktion wird auf dem Poster gut nachvollziehbar und übersichtlich dargestellt. Qualitativ erfasste Erfahrungen deuten darauf hin, dass das Instrument sehr gut geeignet ist, die Kommunikation mit Rehabilitand*innen über ihre spezifischen Wünsche, Bedürfnisse und Ziele in der Rehabilitation sowie ihre persönlichen Rahmenbedingungen anzuregen, wechselseitige Missverständnisse zu vermeiden und die Motivation der Rehabilitand*innen zu fördern.

Die Posterjury würdigt mit der Auszeichnung den wertvollen Beitrag der Arbeitsgruppe zu einer verstärkten Berücksichtigung bedeutsamer interindividueller – und hier insbesondere interkultureller – Unterschiede in der Gestaltung der Rehabilitationspraxis. Das Instrument besitzt nach Einschätzung der Jury das Potenzial, ungünstige Rehabilitationsverläufe und Behandlungsabbrüche zu vermeiden und damit die Bedürfnisse dieser Rehabilitandengruppen gezielt aufzunehmen.

Postersonderpreis (Publikumspreis)

Standardisiertes ICF-bezogenes Assessment in der orthopädischen Reha möglich?/!

Sebastian Schmidt, Calvin Burkart, Boudewijn Kavelaars, Daniel Kassner, Jürgen Hekler

Aggertalklinik Engelskirchen

Das Poster berichtet über die Implementierung eines standardisierten Assessmentcenters für orthopädische Rehabilitanden in einem stationären Setting. Das Untersuchungsschema lehnt sich an die Ebenen der ICF an. Es umfasst Fragebögen und Funktionsmessungen, die indikationsspezifisch zu unterschiedlichen Testclustern zusammengefasst und mit einem digitalen Tool ausgewertet werden. Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie mit 1.006 Rehabilitand*innen bestätigen die Praktikabilität des Verfahrens im Rehabilitationsalltag.

Evaluation

Die Informationen folgen in Kürze

27. Reha-Kolloquium 2018 in München

Allgemeines

Vom 26. bis 28.2.2018 fand im Internationalen Congress Center München (ICM) der größte rehabilitationswissenschaftliche Kongress in Deutschland statt.

Die Deutsche Rentenversicherung Bund veranstaltete das 27. Reha-Kolloquium gemeinsam mit der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften.

Über 1.600 Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen, Therapeuten und weitere Fachleute diskutierten zum Rahmenthema "Rehabilitation bewegt!" aktuelle Forschungsergebnisse und Trends in der Rehabilitation.

Tagungsbericht

Regelmäßige körperliche Aktivität gilt als integraler Bestandteil eines gesunden Lebensstils und insbesondere chronisch Kranke profitieren von regelmäßiger Bewegung. Zudem ist die Bedeutung von bewegungstherapeutischen Ansätzen im Rahmen einer interdisziplinären Therapie wissenschaftlich gut belegt. Entsprechende Angebote haben daher einen zentralen Stellenwert im Rahmen der Rehabilitation. Technischer Fortschritt in Beruf, Haushalt und Verkehr führen jedoch dazu, dass das gesundheitsförderliche Potenzial von körperlicher Aktivität nicht ausgeschöpft wird. Vor diesem Hintergrund diskutierten die Expertinnen und Experten beim 27. Reha-Kolloquium u. a., wie Reha-Konzepte und Reha-Strukturen kontinuierlich weiterentwickelt werden können, um die Betroffenen dauerhaft zu einem aktiven Lebensstil zu motivieren.

Das Kolloquium wurde von Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund eröffnet. Frau Roßbach betonte, dass der Abbau von Bewegungsmangel eine zentrale Strategie der DRV darstelle, um die Gesundheit und Erwerbsfähigkeit der Versicherten im Rahmen von Präventions-, Rehabilitations- und Nachsorgeleistungen langfristig zu erhalten oder wiederherzustellen. Dabei sei es notwendig, die Bedürfnisse sowie die beruflichen und häuslichen Verhältnisse der Versicherten stets in die Leistungsgestaltung mit einzubeziehen. Ihr Leistungsportfolio habe die DRV folglich z. B. dahingehend angepasst, dass sich Rehabilitandinnen und Rehabilitanden im Rahmen von Nachsorgeleistungen bei Bedarf nun ganz auf körperliches Training konzentrieren können. Dies soll die Versicherten dabei unterstützen, einen aktiven Lebensstil eigenverantwortlich fortzuführen und dauerhaft in den Alltag zu integrieren. Ein wesentlicher Faktor für die konsequent durch die DRV betriebene Weiterentwicklung ihres Leistungsangebots sei der regelmäßige interdisziplinäre Austausch beim Reha-Kolloquium.

Als Mitglied der Geschäftsführung der DRV Bayern Süd begrüßte Gerhard Witthöft die Teilnehmenden. Herr Witthöft betonte, wie wichtig es sei, nicht nur kurzfristig mehr Bewegung anzuregen, sondern einen aktiven Lebensstil nachhaltig zu verstetigen. Ihre Versicherten unterstütze die DRV dabei, indem sie mit differenzierter Prävention, Rehabilitation und Nachsorge gesundheitswirksame Leistungen für verschiedene Bedarfe erbringe. Das hohe Potenzial dieser Leistungen habe auch der Gesetzgeber erkannt. So sei etwa mit dem Flexirentengesetz der Aspekt der Nachhaltigkeit wesentlich gestärkt worden. Neue Chancen, die fortlaufende Weiterentwicklung der Rehabilitation weiter zu forcieren, bieten zudem die Neuregelungen aus dem Bundesteilhabegesetz. Insbesondere mit der Förderung von Modellvorhaben unter dem Titel Rehapro gebe der Gesetzgeber den Rentenversicherungsträgern die Möglichkeit, innovative Ansätze in der Praxis zu erproben und damit Prävention, Rehabilitation und Nachsorge bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Weitere Grußworte sprachen Herr Ministerialdirektor Michael Höhlenberger, Amtschef im Bayrischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales sowie - in einer Videobotschaft – Christine Strobl, Bürgermeisterin der Stadt München.

In ihrem Plenarvortrag „Bewegung für den Sprung aufs Treppchen“ am Montag berichtete Verena Bentele, vielfache Paralympics-Siegerin und Weltmeisterin im Biathlon und Skilanglauf, über ihre persönlichen Erfahrungen als blinde Profi-Sportlerin. Besonders eindrucksvoll war ihre Schilderung, wie sie nach einem schweren Trainingsunfall wieder Vertrauen zum Skilaufen gewonnen hat. Neben der gesundheitsfördernden Wirkung hob Frau Bentele die integrative Funktion von Bewegung und Sport hervor. Als ehemalige Spitzensportlerin sei es ihr ein besonderes Anliegen, gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung auch im Bereich des Sports zu erzielen. In der vergangenen Legislaturperiode hatte sie als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung die Möglichkeit, die Gesetzgebung auf Bundesebene dahingehend aktiv zu begleiteten. Ihre Amtszeit stellte sie daher unter das Motto „Inklusion bewegt“. Der Plenarvortrag wurde durch das Publikum mit großem Beifall bedacht.

Am Dienstag widmete sich Prof. Dr. Klaus Pfeifer, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, dem Rahmenthema unter dem Gesichtspunkt „Bewegungstherapie in der medizinischen Rehabilitation – Anspruch, Qualität, Herausforderungen“. Prof. Pfeifer umriss zunächst die vielseitigen positiven Wirkeffekte, die die Bewegungstherapie für verschiedenste chronische Erkrankungen zum viel genutzten „Therapeutikum mit Breitbandwirkung“ mache. Der Plenarredner verdeutlichte aber auch, dass die durch Bewegungstherapie erreichten Effekte nur dann nachhaltig aufrechterhalten werden können, wenn es gelingt, eine Bindung an eigenständige körperliche Aktivität zu erreichen. Entsprechend bedürfe es einer Bewegungstherapie, die auf langfristige Bewegungsförderung ausgerichtet ist. Hierfür müsse das körperliche Üben und Trainieren mit dem direkten Erfahren positiver Bewegungswirkungen verknüpft werden. Für die Rehabilitationsforschung gelte es, so Prof. Pfeifer, wirksame Interventionskonzepte dahingehend weiterzuentwickeln und zu erproben sowie deren nachhaltige Nutzung durch Organisationsentwicklungsprojekte in der Praxis zu sichern.

Die anschließende von Dr. Martin Steinau (Sportwissenschaftler in einer Reha-Klinik und Vorstandsmitglied des Deutschen Verbands für Gesundheitssport und Sporttherapie) moderierte Plenardiskussion befasste sich mit dem Thema „Rehabilitation bringt Menschen in Bewegung – Anspruch, Wirklichkeit, Potenziale“. Als Diskutanten nahmen teil: Prof. Dr. Gerhard Huber (Institut für Sport und Sportwissenschaft, Universität Heidelberg), Martina Lakämper (Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen), Dr. Mischa Kläber (Ressortleiter „Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement“ beim Deutschen Olympischen Sportbund), Dieter Olbrich (Ärztlicher Direktor Reha-Zentrum Bad Sulzuflen), Dr. Konrad Schultz (Medizinischer Direktor der Klinik Bad Reichenhall), Gerhard Witthöfft (Mitglied der Geschäftsführung der DRV Bayern Süd).

Am Mittwoch referierte Frau Dr. Guthold von der WHO in Genf zum Thema „Förderung von körperlicher Aktivität: aktuelle Entwicklungen auf internationaler Ebene“. Frau Dr. Guthold machte zunächst deutlich, dass ein Mangel an Bewegung nicht nur ein Problem der Industriestaaten sei, sondern ein weltweites Phänomen darstelle. Um körperliche Aktivität auf globaler Ebene zu fördern, erstelle die WHO derzeit einen “Globalen Aktionsplan für körperliche Aktivität 2018-2030” (GAPPA). Der GAPPA solle allen Ländern konkrete Strategien und Aktionen zur Verminderung von Bewegungsmangel anbieten. Im Vortrag wurden insbesondere diejenigen Aktionen des GAPPA beleuchtet, die direkt relevant sind für den Rehabilitationsbereich. Frau Dr. Guthold verdeutlichte anschaulich, welche wesentliche Rolle der Rehabilitation zur Bewegungsförderung bei gesundheitlich eingeschränkten Menschen zukommt.

Im wissenschaftlichen Programm wurden 164 Vorträge und 59 Poster präsentiert. Außerdem konnten in 13 Diskussionsforen reha-wissenschaftliche Fragestellungen intensiver erörtert werden, z.B. zur medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR), zur Praxis der Sozialen Arbeit in der Medizinischen Rehabilitation oder zum Fallmanagement.  

Eine Vielzahl der Veranstaltungen widmete sich dem Rahmenthema. Erstmalig wurde dazu auch ein Pre-Conference-Workshop angeboten. Einen weiteren Schwerpunkt des Kongresses bildete das Thema „Rehabilitation und Arbeit“ mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen u. a. zu Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Vernetzungsaspekten und Return to work. Das Themenfeld “Assessmentinstrumente und Testdiagnostik“ sowie der Indikationsbereich „Psychosomatische Rehabilitation“ waren ebenfalls wieder stark vertreten. Erstmalig fand auch eine Vortragssession zum Thema „Diversity“ statt. Zusammen mit jeweils zwei Veranstaltungen zum Thema „Recht“ und „Kinder-Reha“ hat das Programm damit aktuell besonders relevante Themen aufgegriffen.

Die DGRW-Updates zu den Themen „Rehabilitation der peripheren arteriellen Verschluss-Krankheit“ und „Bundesteilhabegesetz“ als praxisbezogene Übersichtsveranstaltungen rundeten das Kongressprogramm ab.

Das Kolloquium wurde vom Bereich 0420 Reha-Wissenschaften in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd organisiert. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützten kompetent und engagiert die Durchführung der Tagung. Dazu gehörten u. a. die Abwicklung der Anmeldung, die Betreuung der Referentinnen und Referenten sowie die Koordination der eingehenden Präsentationen.

Posterpreise

Die Postersterausstellung, die regelmäßig am ersten Veranstaltungstag des Reha-Kolloquiums mit der offiziellen Posterpräsentation eröffnet wird, ist ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Programms. Sie fand im Foyer des Internationalen Congress Centers München statt. Die Autorinnen und Autoren hatten zusätzlich die Gelegenheit, ihre Beiträge und Projekte in Kurz-Präsentationen (5 Minuten) in parallelen Sessions in 6 Vortragssälen persönlich vorzustellen und mit dem interessierten Publikum zu diskutieren. Die Posterpräsentationen wurden von Mitgliedern des Programmkomitees, Vertretern der Rentenversicherung und Reha-Medizinern moderiert, die - wie in den Vorjahren - gemeinsam die Posterjury bildeten. Im Anschluss an die Präsentationen wählte die Jury jene 3 Poster als Preisträger aus, die nach ihrer Ansicht ein rehabilitationswissenschaftlich relevantes Thema inhaltlich und gestalterisch am besten umgesetzt hatten. Zusätzlich wurde wie jedes Jahr ein Postersonderpreis vom Publikum gewählt.

Die auf dem 27. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium prämierten Posterbeiträge werden hier kurz beschrieben und gewürdigt.

Erster Posterpreis

Wirksamkeit und Nutzen der medizinischen Rehabilitation bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen: Rekrutierung und Studienstichprobe der MERCED-Studie

AutorInnen: Hüppe, A., Langbrandtner, J., Cassandra, L., Raspe, H.

Universität Lübeck

Inhalt

Die Arbeitsgruppe hat ein Studiendesign entwickelt, das die Untersuchung der absoluten Wirksamkeit der Rehabilitation ermöglichen soll. In einer DFG geförderten Studie wurde das Design an der Indikation chronisch entzündlicher Darmerkrankungen erprobt. Nach der Identifizierung von potentiell reha-bedürftigen Versicherten durch Abrechnungs- und Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenversicherungen, wurden rund 4.000 Versicherte angeschrieben und um Teilnahme an der Studie gebeten. Nach vorheriger Beratung wurde die Interventionsgruppe gebeten, möglichst zeitnah eine medizinische Rehabilitation zu beantragen, während die Kontrollgruppe dies möglichst noch ein Jahr hinausschieben sollte. In die Randomisierung konnten 530 Versicherte eingeschlossen werden.

Nach Einschätzung der Autoren zeige der bisherige Studienverlauf, dass unter bestimmten Rahmenbedingungen und Vorkehrungen individuell randomisierende kontrollierte Studien auch in der Reha-Forschung machbar sind. Die Planung und Durchführung der Studie erwies sich allerdings als sehr aufwändig.

Die Posterjury würdigt mit dem ersten Posterpreis die kreative Erarbeitung des Studiendesigns sowie die aufwändige Planung und gelungene Durchführung des Projekts. Die Entwicklung eines Studiendesigns für individuell randomisierende kontrollierte Studien in der Rehabilitation wird als ein bedeutender innovativer Studienansatz gewertet. Die optisch sehr gut gelungene Aufbereitung des Posters hat die Posterjury zudem überzeugt.

Zweiter Posterpreis

Früh- und Spättoxitäten sowie sozialmedizinische-relavante Folgestörungen bei Brustkrebs-Patienten - Auswertung von 5.800 Fällen während der AHB vs. Rehabilitation

AutorInnen: Hass, H., Seywald, M., Zabieglinski, T., Kunzmann, V., Denzlinger, C.

Paracelsus-Klinik Scheidegg

Universität Würzburg

Marienhospital Stuttgart

Inhalt

Für die Rehabilitation von Brustkrebspatientinnen ist u. a. die Vielzahl von unterschiedlichen therapieinduzierten Folgestörungen von Bedeutung. In einer retrospektiven Analyse wurden von 5.800 Brustkrebspatientinnen Daten zu therapieinduzierten Folgestörungen in der Anschlussrehabilitation und der onkologischen Rehabilitation im Antragsverfahren ausgewertet. Die Arbeitsgruppe analysierte über 40 tumorbiologische und klinische Parameter, therapieinduzierte Nebenwirkungen sowie Früh- und Spätfolgestörungen der onkologischen Therapie und sozialmedizinische Faktoren.

Abhängig vom zeitlichen Verlauf konnte die Arbeitsgruppe unterschiedliche rehabilitationsrelevante Folgestörungen bei AHB-Patientinnen und Patientinnen in der onkologischen Rehabilitation mit Antragsverfahren dokumentieren. Während bei AHB-Patientinnen v. a. noch Nebenwirkungen durch die Chemotherapie vorliegen, spielen bei den Rehabilitandinnen im allgemeinen Antragsverfahren hauptsächlich operationsbedingte Störungen und eine häufig schlechtere Gesamtprognose eine größere Rolle. Die Ergebnisse zeigen, dass Patientinnen im Allgemeinen Antragsverfahren häufiger chronische, therapieindizierte Folgestörungen aufweisen als AHB-Patientinnen.

Die Posterjury würdigte mit dem 2. Preis die systematische Auswertung der medizinischen Routinedaten sowie die klinische Relevanz der Ergebnisse für viele Reha-Praktiker. Die Resultate belegen die vielfältigen und bedeutsamen Reha-Bedarfe der Brustkrebspatientinnen. Das Poster überzeugte durch seine strukturierte und übersichtliche Darstellung der Ergebnisse.

Dritter Posterpreis

Vergleichende Analyse von Methoden zum Umgang mit Missing Data im SF-12 Version 2.0

AutorInnen: Roettele, N., Morfeld, M., Glaesmer, H., Brähler, E., Wirtz, M.A.

Pädagogische Hochschule Freiburg

Hochschule Magdeburg-Stendal

Universitätsklinikum Leipzig

Inhalt

Fehlende Werte stellen für Forscher eine methodische Herausforderung dar. Wenn z. B. Fragebögen unvollständig beantwortet werden, besteht die Gefahr der Verringerung auswertbarer Fragebögen und der Verzerrung der statistischen Ergebnisse bei der Auswertung. Ein in der Reha-Forschung häufig verwendeter Fragebogen ist der SF-12 zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Anhand einer Stichprobe von über 1.000 orthopädischen Rehabilitanden hat die Arbeitsgruppe einen SF-12 Datensatz analysiert. In einem Simulationsverfahren wurden im Datensatz Missing-Data erzeugt und durch sieben verschiedene Imputationsverfahren wieder ersetzt. Durch den anschließenden Vergleich mit den tatsächlichen Werten konnte die Arbeitsgruppe belegen, dass der Expectation-Maximation-Algorithmus die besten Ergebnisse erzeugt hat. Die Nutzung dieses Algorithmus kann den Umgang mit fehlenden Werten beim SF-12 erleichtern und die Aussagekraft entsprechender Studien erhöhen.

Die Posterjury würdigte mit dem 3. Preis, dass die Arbeitsgruppe mit ihrer methodischen Arbeit das Problem der Missing Data in das Bewusstsein von Forschern und Anwendern gerückt und konkrete Lösungsansätze vorgestellt hat. Zudem wurde das Medium Poster für die Ergebnispräsentation überzeugend genutzt.

Postersonderpreis (Publikumspreis)

Die langfristige Veränderung von schmerzbezogenen Kognitionen in Abhängigkeit vom Chronifizierungsstadium bei Rehabilitanden mit chronischen Rückenschmerzen

AutorInnen: Köpnick, A., Herbold, D., Roßband, H., Geigner, B., Beddies, A., Hampel, P.

Europa-Universität Flensburg

Paracelsus-Klinik an der Gande

Reha-Zentrum Bad Sooden-Allendorf

Rehabilitationsklinik Auental, Bad Steben

Rehabilitationsklinik Göhren

Inhalt

Im Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen nehmen schmerzbezogene Kognitionen eine entscheidende Rolle ein. Angesprochen werden unter anderem Angst-Vermeidungs-Überzeugungen, an sich selbst gerichtete Durchhalteappelle sowie Schonungs- und Vermeidungsverhalten aber auch die Entwicklung einer depressiven Symptomatik. Das Forschungsprojekt der Arbeitsgruppe untersuchte den langfristigen Einfluss des Chronifizierungsstadiums und des kombinierten Schmerzkompetenz- und Depressionspräventionstrainings „Debora“ auf die Schmerzkognitionen. Das Training wurde dabei mit der Standardbehandlung ohne Depressionspräventionsmodule verglichen. Dazu wurde eine prospektive Kontrollgruppenstudie mit Cluster-Block-Randomisierung durchgeführt.

Auch wenn für die Depressionspräventionsmodule im langfristigen Verlauf keine zusätzlichen Effekte auf die schmerzbezogenen Kognitionen nachgewiesen werden konnten, belegen die Ergebnisse für Rehabilitanden in einem hohen Chronifizierungsstadium eine besondere Belastung. Die Autoren schließen daraus, dass hoch chronifizierte Rehabilitanden durch intensivere psychologische Behandlungen und differenziertere Zuweisung unterstützt werden müssen.

Hervorzuheben sind bei dem Projekt das elaborierte Studiendesign, die hohe Fallzahl sowie die klare und übersichtliche Darstellung auf dem Poster.

Evaluation

Kolloquiumsinteressenten

Das 27. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium 2018 in München wurde von 1.634 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht. Die Besucherzahl für das Reha-Kolloquium liegt seit Jahren deutlich über 1.500 Teilnehmenden.

Online-Evaluation

Die Bewertung des Reha-Kolloquiums erfolgt über eine Online-Befragung der Teilnehmenden. Mit einem Fragebogen werden verschiedene Aspekte des Kolloquiums auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 5 (sehr unzufrieden) beurteilt. Die Online-Evaluation wird durch die Firma Electric Paper Evaluationssysteme GmbH im Rahmen eines Sponsorings unterstützt.

In diesem Jahr haben 395 Kongressbesucherinnen und -besucher an der Kongressevaluation teilgenommen. Das entspricht 24,2 Prozent der Teilnehmenden.

Der Gesamteindruck vom 27. Reha-Kolloquium wurde von den Antwortenden mit 1,8 und damit besser als der Durchschnitt der letzten 10 Kolloquien bewertet. Diese Einschätzung dokumentiert die hohe Zufriedenheit der Anwesenden mit der Veranstaltung.

Die Informationsmedien zum Kongress, wie der Kolloquiums-Flyer (1,9), der Internetauftritt (2,1) und die Tagungsunterlagen (1,8) schnitten in der Bewertung gut ab. Die Anmeldung zum Kongress und die Einreichung der Beiträge erfolgt seit 2 Jahren über das Kongressmanagementsystem (KMS) CONVERIA. Die noch relativ neue Online-Anmeldemöglichkeit wurde mit 1,6 bewertet und gut angenommen.

Die fachliche Qualität der Plenarvorträge (1,8), der Plenardiskussion (2,1) und der DGRW-Updates (1,9) wurde positiv beurteilt. Auch die fachliche Qualität der Poster (2,2) und der wissenschaftlichen Vorträge (2,3) wurde positiv eingeschätzt. Aus den Freitextkommentaren geht hervor, dass sich die Teilnehmenden in den einzelnen Veranstaltungen teilweise mehr Raum für praxisbezogene Diskussionen wünschen. Das Kongressthema „Bewegung“ wurde in den Antworten zustimmend hervorgehoben.

Der zeitliche Ablauf des Kolloquiums und die Übersichtlichkeit des Programms wurden mit jeweils 1,9 als gut bewertet. In den Freitextangaben äußerten sich die Kongressbesucherinnen und -besucher lobend über die neue App zum Programm. Sie wird als hilfreiche und sinnvolle Neuerung angesehen.

Die Organisation vor Ort wurde von den Kongressbesucherinnen und -besuchern wieder sehr positiv bewertet: Insbesondere die Arbeit des Tagungsbüros würdigten die Antwortenden mit einer sehr guten Bewertung (1,4).

Das Internationale Congress Center München als Veranstaltungsort (1,4), die Technik am Veranstaltungsort (1,4) sowie die Pausenverpflegung (1,5) sind bei den Teilnehmenden ebenfalls sehr gut angekommen. Die Präsentation der Aussteller wurde positiv bewertet (1,9).

Das beliebte Rahmenprogramm zum Kongress war auch dieses Jahr wieder schnell ausgebucht. Der Begrüßungsempfang bei der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd wurde von den Gästen mit 1,6 bewertet. Der Gesellschaftsabend im Hofbräuhaus schnitt mit 2,4 ebenfalls gut ab. In den Freitextangaben wurde das Musikprogramm beim Begrüßungsempfang und beim Gesellschaftsabend unterschiedlich beurteilt.

Insgesamt wurde das 27. Reha-Kolloquium in München von den Teilnehmenden sehr positiv bewertet, was sich auch an den freitextlichen Rückmeldungen im Evaluationsbogen ablesen lässt. Die Bewertungen und die detaillierten Freitextangaben werden dazu genutzt, die Durchführung des Kongresses möglichst an die Wünsche der Teilnehmenden anzupassen.

26. Reha-Kolloquium 2017 in Frankfurt

Allgemeines

Die Deutsche Rentenversicherung Bund veranstaltete das 26. Reha-Kolloquium gemeinsam mit der Deutschen Rentenversicherung Hessen in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt/Main.

Der Kongress widmete sich den Auswirkungen der Globalisierung für Versicherte und Patienten, aber auch den daraus resultierenden Anforderungen an Prävention und Rehabilitation. Erfolgreiche Prävention und Rehabilitation müssen die verschiedenen interkulturellen Voraussetzungen, Erwartungen und Ansprüche als Kontextfaktoren im Sinne der ICF berücksichtigen. Für die Rentenversicherung gewinnt das Zusammenwirken von Prävention und Rehabilitation im Sinne von „Prävention vor Rehabilitation vor Rente“ zunehmend an Bedeutung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten u. a. das Thema Migration als wesentlichen Teil dieser globalen Entwicklungen. Die Ausgestaltung einer angemessenen medizinischen und rehabilitativen Versorgung für Migrantinnen und Migranten ist ein wesentliches Handlungsfeld.

Tagungsbericht

Das Kolloquium wurde von Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, eröffnet. Die Auswirkungen der Globalisierung sind immer deutlicher im Alltag zu spüren. Durch den kulturellen und technischen Wandel verändern sich sowohl die Arbeitsanforderungen als auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wesentlicher Teil dieser globalen Entwicklungen ist die Migration, betonte Frau Roßbach in ihren Eröffnungsworten und wies darauf hin, dass die Rentenversicherung deshalb unter anderem mehrere Forschungsprojekte fördere, die sich mit dem Themenfeld „Migration und Rehabilitation“ beschäftigen.

Für die DRV Hessen begrüßte die Erste Direktorin Birgit Büttner die Teilnehmenden. Das Thema Prävention und Gesundheitsförderung sei angesichts der demografischen Entwicklung und der Herausforderungen einer sich mit hoher Geschwindigkeit verändernden Welt von stetig wachsender Bedeutung, sagte Frau Büttner. Das Land Hessen habe gemeinsam mit Krankenkassen und Sozialversicherungsträgern als erstes Bundesland die Rahmenvereinbarung zum Präventionsgesetz unterzeichnet, als Rehabilitationsträger, als Beraterin regional ansässiger Unternehmen und als Arbeitgeberin sei die Deutsche Rentenversicherung Hessen mit dieser Thematik eng verbunden.

Weitere Grußworte sprachen Stefan Grüttner, Minister für Soziales und Integration des Landes Hessen und - in einer Videobotschaft - Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main.

Wie essenziell und erfolgreich Primärprävention sein kann, zeigen die Ergebnisse der Forschungen von Prof. Dr. Harald zur Hausen in seinem Eröffnungsvortrag. Der Nobelpreisträger erkannte als einer der ersten Ärzte und Forscher weltweit, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Viruserkrankung und einer Krebserkrankung geben könnte. Es gelang ihm und seiner Forschergruppe nachzuweisen, dass bestimmte Typen der Humanen Papillomviren (HPV) ursächlich für die Entstehung des Gebärmutterhalskrebses sind. Diese Ergebnisse sind die Grundlage dafür, dass ein Impfstoff gegen die Infektion mit HPV entwickelt wurde und dieser nachweislich dazu in der Lage ist, die Entstehung einer Zervixkarzinoms zu verhindern.

In seinem Plenarvortrag am Dienstag hat sich Oliver Razum, Professor an der Universität Bielefeld, mit dem Rahmenthema unter dem Gesichtspunkt „Rehabilitation und Migration: Zugang, Wirksamkeit, Herausforderungen“ beschäftigt. Menschen mit Migrationshintergrund haben ein ähnliches Krankheitsspektrum wie die Mehrheitsbevölkerung, allerdings mit Unterschieden in Verlauf und Häufigkeit von Erkrankungen. Sie werden durch präventive und rehabilitative Angebote vergleichsweise schlechter erreicht und ihre Reha-Ergebnisse sind oft ungünstiger. Außerdem treffen sie im Gesundheitssystem auf Barrieren, welche die Inanspruchnahme und Qualität ihrer Versorgung nachteilig beeinflussen können. Neben sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten gehören dazu fehlende Informationen über Angebote und sozialrechtliche Ansprüche. Prof. Razum plädierte dafür, den Umgang mit Unterschiedlichkeit systematisch anzugehen. Reha-Kliniken sollten sich im Diversity-Management fit machen.

„Rehabilitation – the key health strategy for the 21st century“ war das Thema des Plenarvortrags am dritten Kongresstag. Prof. Alarcos Cieza leitet und koordiniert bei der World Health Organization (WHO) in Genf den Bereich „Disability and Rehabilitation“ und ist u. a. für die Implementation des Disability Action Plans zuständig. Prof. Cieza hat deutlich gemacht, dass vor dem Hintergrund der Zunahme von chronischen Erkrankungen die Rehabilitation eine zentrale Rolle bei der Gesundheitsversorgung der Zukunft einnehmen wird. Es ist ein wesentliches Ziel der WHO die Rehabilitation weiter zu stärken. Dazu gehört auch die Bereitstellung von entsprechenden statistischen Daten zur Rehabilitation und Förderung von Forschung und Entwicklung. Der Vortrag von Prof. Cieza verdeutlicht auch, dass die Entwicklung der Rehabilitation in Deutschland im internationalen Vergleich sehr positiv zu bewerten ist. Prof. Cieza ermutigte u. a. auch die Deutsche Rentenversicherung den Weg zur Stärkung und Weiterentwicklung der Rehabilitation weiterzugehen.

Die Plenardiskussion fand am Dienstag ebenfalls zu dem Aspekt „Rehabilitation und Migration: Herausforderungen und Lösungen“ statt. In der Diskussion wurde vor allem deutlich, dass sich viele in der Rehabilitation Tätige unsicher im Umgang mit Migrantinnen und Migranten fühlen. Es ist für sie oftmals nicht klar, welche Erwartungen die Menschen mit Migrationshintergrund haben bzw. welche berechtigten Anforderungen an sie gestellt werden können. Die Erarbeitung entsprechender Informationen und Klärung von wesentlichen Fragen scheint vor dem Hintergrund der Plenardiskussion notwendig zu sein.

Im wissenschaftlichen Programm wurden 165 Vorträge und 35 Poster präsentiert. Außerdem konnten in 20 Diskussionsforen rehabilitationswissenschaftliche Fragestellungen intensiver erörtert werden.

Thematisch stark vertreten war in diesem Jahr der Bereich „Rehabilitation und Arbeit“ mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen u. a. zu Medizinisch-beruflich orientierter Rehabilitation (MBOR), Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben sowie Vernetzung und Return to work. Einen Schwerpunkt bildete das Thema „Neue Medien“. Assessmentinstrumente und Reha-Nachsorge (Schwerpunkte der vergangenen Jahre) waren ebenfalls wieder mit zahlreichen Vorträgen und Posterbeiträgen vertreten. Drei Sessions sowie ein Diskussionsforum widmeten sich dem Indikationsbereich Psychosomatische Rehabilitation. Die DGRW Updates „Kardiologische Rehabilitation“ und „Neue Medien zur Diagnostik und Intervention der funktionalen Gesundheit in der Rehabilitation“ rundeten das Kongressprogramm ab.

Der Kongress wurde vom Bereich Reha-Wissenschaften der Deutschen Rentenversicherung Bund in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Rentenversicherung Hessen durchgeführt. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung unterstützten kompetent und engagiert die Durchführung der Tagung. Dazu gehörten u. a. die Abwicklung der Anmeldung, die Betreuung der Referenten sowie die Unterstützung bei den Präsentationen. In Frankfurt wurde mit über 1.600 Teilnehmenden wieder eine besonders hohe Teilnehmerzahl erreicht. Die damit verbundenen besonderen Anforderungen unterstreichen die erfolgreiche Arbeit der beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Trotz der großen Herausforderung wegen eines Brandes im Casinogebäude des Campus Westend in der Woche vor dem Kolloquium, zahlreiche Veranstaltungen, das Tagungsbüro, das Mittagscatering und den Begrüßungsempfang umplanen zu müssen, lief die Organisation des Kongresses reibungslos. Die Teilnehmenden gaben viele positive Rückmeldungen zum Ablauf und zur Ausgestaltung des Reha-Kolloquiums.

Posterpreise

Die Posterausstellung, die regelmäßig am ersten Veranstaltungstag des Reha-Kolloquiums mit der offiziellen Posterpräsentation eröffnet wird, ist ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Programms. Sie fand im Hörsaalzentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main statt. Die Autorinnen und Autoren hatten zusätzlich die Gelegenheit, ihre Beiträge und Projekte in Kurz-Präsentationen (5 Minuten) in parallelen Sessions persönlich vorzustellen und mit dem interessierten Publikum zu diskutieren. Die Posterpräsentationen wurden von Mitgliedern des Programmkomitees, Vertretern der Rentenversicherung und Reha-Medizinern moderiert, die - wie in den Vorjahren - gemeinsam die Posterjury bildeten. Im Anschluss an die Präsentationen wählte die Jury jene 2 Poster als Preisträger aus, die nach ihrer Ansicht ein rehabilitationswissenschaftlich relevantes Thema inhaltlich und gestalterisch am besten umgesetzt hatten. Zusätzlich wurde wie jedes Jahr ein Postersonderpreis vom Publikum gewählt.

Die auf dem 26. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium prämierten Posterbeiträge werden hier kurz beschrieben und gewürdigt.

Erster Posterpreis

Entwicklung einer Datenbank (MediaWiki) für Dozenten interdisziplinärer rehabilitationsbezogener Lehre

AutorInnen: Schmidt, S., Schwabe, S., Wichmann, D., Mau, W.

Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Rehabilitationsmedizin

Inhalt

Für den Bereich der Rehabilitation wurden 2004 für das Studium der Medizin rehabilitationsbezogene Lernziele durch die DRGW und die DGPMR formuliert. In dem vorgestellten Projekt wird eine lernzielbasierte Datenbank mit interdisziplinären rehabilitationsbezogenen Lehrmaterialen entwickelt. Für die Datenbank werden verfügbare rehabilitationsmedizinische Lehrmaterialien den vorhandenen Lernzielen zugeordnet und didaktisch sowie formal aufbereitet.

Das Onlineportal ist in vier inhaltliche Bereiche gegliedert:

Im Portal „Lehr- und Lernziele“ sind u. a. die rehabilitationsbezogenen Lernziele sowie Verweise zu didaktischen Methoden und Lehrmaterialien hinterlegt. Das Portal „Didaktik“ enthält eine Zusammenstellung und Beschreibung von interaktiven Lehrmethoden mit detaillierten Instruktionen. Im Portal „Lehrmaterialen“ gibt es eine Übersicht zu den Lehrmaterialien gegliedert nach Medientypen. Das „Glossar“ enthält Definitionen wesentlicher rehabilitationsmedizinischer Begriffe.

Die intuitiv bedienbare Online-Datenbank wird Lehrenden nach Projektende über das Online-Portal kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Die Posterjury sieht in der rehabilitationsbezogenen Lehre im Medizinstudium eine wichtige Weichenstellung, um bei den künftigen Ärztinnen und Ärzten Interesse an der Rehabilitation zu wecken und notwendige Kenntnisse zu vermitteln. Deshalb freute sich die Posterjury, dass durch das Projekt ein bundesweit zugängliches Internetportal entsteht, das die vorhandenen Lehrmaterialen systematisch aufbereitet und darstellt. Die grafische Darstellung der Inhalte auf dem Poster hat die Posterjury überzeugt. Die Arbeitsgruppe hat das Medium Poster damit sehr gut genutzt.

Zweiter Posterpreis

InResPro - Integrative Resilienzförderung im Reha-Prozess: Entwicklung einer verhaltens- und verhältnisorientierten Intervention

AutorInnen: Christoffer, A., Altenhöner, T., Heuft, G., Stock-Gissendammer, S., Hinrichs, J.

Universitätsklinikum Münster

Fachhochschule Bielefeld

Berolina Klinik Löhne

Inhalt

In dem Poster wurden die Ergebnisse der qualitativen Entwicklungsphase einer Intervention für Reha-Mitarbeiter zur Wahrnehmung und Nutzung patientenbezogener Ressourcen.

Die Intervention soll aus einer Fortbildung für Reha-Mitarbeiter und aus einer Übung für die Rehabilitanden bestehen.

Als Grundlage für die Entwicklung des ressourcenorientierten Konzepts wurden Fokusgruppen mit fünf Berufsgruppen und drei Rehabilitanden-Gruppen durchgeführt. Gegenstand der Fokusgruppen waren die wahrgenommenen ressourcenförderlichen und -hinderlichen Aspekte der Rehabilitation im eigenen Arbeitsbereich der Behandler bzw. im Reha-Alltag der Patienten. Außerdem wurden die Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden und Selbstwirksamkeitserleben der Rehabilitanden erörtert.

Die Auswertungen zeigen, dass jede untersuchte Berufsgruppe im eigenen Arbeitsbereich eine Vielzahl alltäglicher und scheinbar kleiner zwischenmenschlicher Interaktionen sowie auf der Handlungsebene unterschiedliche ressourcenorientierte Interventionen mit Rehabilitanden durchführt. Diese können im Reha-Setting, in Übereinstimmung mit den Aussagen der Rehabilitanden, eine wechselseitig positive Wirkung entfalten und die Kommunikation deutlich verbessern.

Die Informationen aus den qualitativen Analysen werden nun genutzt, um ein Modell für die Zusammenhänge zwischen den Ressourcenfeldern der Patienten, den Interventionen der Mitarbeiter und den Gegebenheiten in der Reha-Einrichtung zu erarbeiten. Dieses Modell dient der Auswahl von Schulungsinhalten und -methoden für die geplante Mitarbeiterfortbildung.

Die Posterjury würdigte mit dem 2. Preis die Nutzung eines Ansatzes, der die Bedeutung der persönlichen und umweltbezogenen Ressourcen betont und die Kommunikation mit den Rehabilitandinnen und Rehabilitanden einerseits und im Reha-Team andererseits fördert. Die Studieninhalte wurden für das Poster sehr ansprechend aufbereitet.

Postersonderpreis (Publikumspreis)

Internetbasierte Interventionen bei beruflicher Belastung (Akzeptanz und Barrieren bei Versicherten mit erhöhtem Erwerbsminderungsrisiko)

AutorInnen: Hennemann, S., Thukral, J., Witthöft, M., Beutel, M.E., Bethge, M., Zwerenz, R.

Universität Mainz

Universitätsmedizin Mainz

Universität zu Lübeck

Inhalt

In der vorgestellten Untersuchung wurde im Rahmen des „Dritten Sozialmedizinischen Panels für Erwerbspersonen“ bei Risikoversicherten die gesundheitsbezogene Internetnutzung sowie die Akzeptanz für niedrigschwellige internetbasierte Interventionen bei beruflichen Belastungen überprüft.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bereitschaft zur Nutzung bei dieser Gruppe eher gering ausgeprägt ist. Die Befunde können zukünftig die Implementierung niedrigschwelliger internetbasierter Interventionen an verschiedenen Stellen des Behandlungspfades verbessern.

Das Publikum würdigte mit dem Postersonderpreis die gelungene Darstellung der Ergebnisse bei einem sehr relevanten Thema.

Evaluation

Kolloquiumsinteressenten

Das 26. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium 2017 in Frankfurt am Main wurde von 1.606 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht. Die Besucherzahl für das Reha-Kolloquium liegt seit Jahren stabil bei über 1.500 Teilnehmenden.

Online-Evaluation

Die Bewertung des Reha-Kolloquiums durch die Teilnehmer wird über eine Onlinebefragung durchgeführt. Dazu wird ein Fragebogen eingesetzt, mit dem verschiedene Aspekte des Kolloquiums auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 5 (sehr unzufrieden) bewertet werden können. Die Online-Evaluation wird durch die Firma Electric Paper Evaluationssysteme GmbH im Rahmen eines Sponsoring s unterstützt.

In diesem Jahr haben 403 Kongressbesucherinnen und Kongressbesucher an der Kongressevaluation teilgenommen, also etwa 25 Prozent der Teilnehmenden.

Der Gesamteindruck vom 26. Reha-Kolloquium wurde von den Antwortenden mit der Note 2,1 bewertet und liegt damit im Durchschnitt der letzten 2 Jahre (2,0). Die hohe Zufriedenheit der Teilnehmer mit der Veranstaltung konnte erneut bestätigt werden.

Die Informationsmedien zu dem Kongress, wie der Kolloquiums-Flyer, der Internetauftritt und die Tagungsunterlagen sowie die Übersichtlichkeit des Programms haben in der Bewertung gut abgeschnitten. Erstmalig wurde dieses Jahr das Kongressmanagementsystem (KMS) CONVERIA zur Online-Anmeldung der Teilnehmenden und der Kurzbeiträge eingesetzt. Diese neue Anmelde-Möglichkeit wurde mit der Note 1,8 bewertet und sehr gut angenommen.

Die Qualität des wissenschaftlichen Programms erhielt bezogen auf Plenarvorträge und DGRW-Updates mit 2,0 jeweils sehr positive Bewertungen. Die Plenarvorträge von Prof. Cieza, Prof. Razum und Prof. zur Hausen wurden in den freitextlichen Bewertungen als Highlights und Bereicherung bezeichnet. Die wissenschaftlichen Vorträge und die Poster wurden mit den Noten 2,4 und 2,2 vergleichbar mit den vergangenen Kolloquien bewertet.

Die Organisation vor Ort wurde von den Kongressbesucherinnen und Kongressbesuchern wieder sehr positiv eingeschätzt: Die Goethe-Universität Frankfurt am Main als Veranstaltungsort, die Veranstaltungsorganisation vor Ort und das Tagungsbüro wurden jeweils mit der Note 1,9 bewertet. In den Freitextangaben zeigten sich die Teilnehmenden beeindruckt von der schnellen Reaktion der Veranstalter auf den Brand im Casino-Gebäude. Die Präsentation der Aussteller honorierten die Teilnehmenden mit der Note 2,3. Die Pausenverpflegung wurde gut angenommen und mit gut (2,1) bewertet.

Beim Rahmenprogramm schnitten der Begrüßungsempfang in der Frankfurter Klassikstadt und der Gesellschaftsabend im historischen Festsaal im Gesellschaftshaus Palmengarten mit jeweils 1,4 sehr gut ab.

Insgesamt wurde das 26. Reha-Kolloquium in Frankfurt am Main von den Teilnehmenden sehr positiv bewertet, was sich auch an den freitextlichen Rückmeldungen im Evaluationsbogen ablesen lässt. Die Bewertungen und die detaillierten Freitextangaben werden dazu genutzt, den Kongress inhaltlich und organisatorisch weiterzuentwickeln.



25. Reha-Kolloquium 2016 in Aachen

Allgemeines

Das 25. Reha-Kolloquium fand vom 29. Februar bis 2. März 2016 im Eurogress Aachen statt. Über 1.600 Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen, Therapeuten und weitere Fachleute diskutierten zum Rahmenthema "Gesundheitssystem im Wandel - Perspektiven der Rehabilitation" aktuelle Forschungsergebnisse und Trends in der Rehabilitation.

Der größte Deutsche Kongress für Reha-Forschung wurde von der Deutschen Rentenversicherung Bund, der Deutschen Rentenversicherung Rheinland und der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften veranstaltet

Tagungsbericht

Durch den demografischen Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen sowie den medizinischen und technischen Fortschritt entstehen zahlreiche Herausforderungen für Medizin und Rehabilitation. Die Rehabilitation als Teil des Gesundheitssystems muss gemeinsam mit den Akteuren der Gesundheitsversorgung darauf reagieren, ohne ihren eigenständigen Charakter und die Fokussierung auf die Arbeitswelt zu verlieren. Die Expertinnen und Experten diskutierten beim 25. Reha-Kolloquium wie das am besten zu erreichen ist. Behandelt wurde auch die Frage, wie in der Rehabilitation der Rentenversicherung auf eine Verschiebung der Indikationen und insbesondere eine deutliche Zunahme von psychischen Erkrankungen reagiert werden kann.

Gundula Roßbach, Direktorin der Deutschen Rentenversicherung Bund, eröffnete das Reha-Kolloquium mit den Worten, dass Medizinische und berufliche Rehabilitation unverzichtbar seien, wenn es darum gehe, die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen zu fördern. Neben der Rehabilitation trete für die Rentenversicherung die Prävention immer stärker in den Fokus. Es gelte jetzt nicht nur „Reha vor Rente“, sondern auch „Prävention vor Rehabilitation“.

Marcel Philipp, Oberbürgermeister der Stadt Aachen, wünschte dem Kongress einen erfolgreichen Verlauf mit vielen inspirierenden Gesprächen und Vorträgen. Hans-Ludwig Flecken aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales begrüßte die Teilnehmer und ging auf aktuelle Gesetzesvorhaben im Bereich der Rehabilitation ein.

Holger Baumann, Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Rheinland, wies in seinen Eröffnungsworten darauf hin, dass die Rentenversicherung mit modernen und individuell zugeschnittenen Gesundheitsvorsorgeleistungen, der klassischen Rehabilitation und der Nachsorge auf die sozialpolitischen Herausforderungen unserer Tage reagiere.

Im Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie sieht Giovanni Maio, Professor für Medizinethik an der Universität Freiburg, die Rehabilitation. Im Eröffnungsvortrag des Kongresses plädierte er für eine Medizin und eine Rehabilitation als soziale Praxis, die den chronisch Kranken auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Teilhabe unterstütze. Das erfordere kommunikative Kompetenzen, Behutsamkeit und Geduld sowie ausreichende zeitliche und finanzielle Ressourcen.

In seinem Plenarvortrag am Dienstag hat sich Achim Peters, Professor an der Universität zu Lübeck, mit dem Zusammenhang zwischen andauerndem Stress, Übergewicht und kardiovaskulären Risiken beschäftigt. Ausgangspunkt ist dabei seine Theorie des egoistischen Gehirns ("Selfish Brain"), das einen Großteil der Energiezufuhr für sich beanspruche und damit unser Essverhalten steuere. Prof. Peters verdeutlichte, dass andauernder Stress die Entstehung von Übergewicht fördere und ein erhebliches Erkrankungsrisiko darstelle. Von der individuellen Verarbeitung hänge es ab, wie sich der Stress auf die Körperform auswirke und inwieweit die kardiovaskuläre Mortalität ansteige. Über die Verbesserung der Stressbewältigung könne z. B. in der Rehabilitation gegengesteuert werden. Noch besser sei es aber, die Ursachen für Stress (u. a. Armut, Bedingungen am Arbeitsplatz) zu beseitigen.

In einem gemeinsamen Vortrag sprachen der Freiburger Professor Oskar Mittag und der Ärztliche Direktor der Klinik Niederrhein der DRV Rheinland Hartmut Pollmann über Alkohol in der Rehabilitation. Riskanter Alkoholkonsum und Abhängigkeit machten vor der Rehabilitation nicht halt. In der Reha-Praxis gebe es Unsicherheiten im Umgang mit Suchtproblemen. In dem durch die DRV geförderten Projekt „Praxisempfehlungen zum Umgang mit komorbiden Suchtproblemen in der Rehabilitation (PESu)“ gehe es darum, Wege aufzuzeigen, wie diese Probleme professionell und wirksam, aber auch praktikabel im Rehabilitationsalltag angegangen werden könnten. In einem abwechslungsreichen Vortrag mit vielen Praxisbeispielen zeigten die Plenarredner die Hintergründe des Projekts auf und stellten Auszüge aus den Praxisempfehlungen vor.

Im wissenschaftlichen Programm wurden knapp 160 Vorträge und rund 50 Poster präsentiert. Außerdem konnten in 18 Diskussionsforen reha-wissenschaftliche Fragestellungen intensiver erörtert werden wie z.B. zu den aktuellen Reha-Therapiestamdards (RTS), zu Zielvereinbarungen, zum Forschungstransfer, zur rehabilitativen Versorgung Sehbehinderter oder Menschen mit vollständigem Sehverlust und zur ICF.

Einen Schwerpunkt des Kongresses bildete das Thema „Rehabilitation und Arbeit“ mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen u. a. zu Medizinisch-beruflich orientierter Rehabilitation (MBOR), Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und Return to work. Stark vertreten, mit 18 Beiträgen, war in diesem Jahr das Thema Assessments und Testen. Reha-Nachsorge sowie Gesundheitsbildung und Patientenschulung (Schwerpunkte der vergangenen Jahre) waren mit insgesamt 19 Vortrags- und Posterbeiträgen vertreten.

Die DGRW Updates „Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation“ und „Rehabilitation bei depressiven Störungen“ rundeten das Kongressprogramm ab. Diese praxisbezogenen Übersichtsveranstaltungen zum aktuellen Erkenntnisstand fanden vor allem bei Reha-Praktikern regen Anklang.

Das Kolloquium wurde vom Bereich 0420 Reha-Wissenschaften in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Rentenversicherung Rheinland organisiert. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützten kompetent und engagiert die Durchführung der Tagung. Dazu gehörten u. a. die Abwicklung der Anmeldung, die Betreuung der Referentinnen und Referenten sowie die Unterstützung bei den Präsentationen in den Vortragssälen.

Posterpreise

Die Posterausstellung, die regelmäßig am ersten Veranstaltungstag des Reha-Kolloquiums mit der offiziellen Posterpräsentation eröffnet wird, ist ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Programms. Sie fand im Foyer des Eurogress Aachen statt. Die Autorinnen und Autoren hatten zusätzlich die Gelegenheit, ihre Beiträge und Projekte in Kurz-Präsentationen (5 Minuten) in parallelen Sessions persönlich vorzustellen und mit dem interessierten Publikum zu diskutieren. Die Posterpräsentationen wurden von Mitgliedern des Programmkomitees, Vertretern der Rentenversicherung und Reha-Medizinern moderiert, die - wie in den Vorjahren - gemeinsam die Posterjury bildeten. Im Anschluss an die Präsentationen wählte die Jury jene 3 Poster als Preisträger aus, die nach ihrer Ansicht ein rehabilitationswissenschaftlich relevantes Thema inhaltlich und gestalterisch am besten umgesetzt hatten. Zusätzlich wurde wie jedes Jahr ein Postersonderpreis vom Publikum gewählt.

Die auf dem 25. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium prämierten Posterbeiträge werden hier kurz beschrieben und gewürdigt.

Erster Posterpreis

Die Bedeutung von Patientenorientierung für die Patientenzufriedenheit und Behandlungsergebnisse in der medizinischen Rehabilitation

AutorInnen: Plewnia, A., Bengel, J., Körner, M.

Medizinische Fakultät Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie

Institut für Psychologie Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Abteilung Rehabilitationswissenschaften und Psychotherapie

Inhalt

Es scheint zunächst unstrittig, dass die Patientenorientierung eine wesentliche Einflussgröße bezogen auf das Ergebnis einer Rehabilitation ist. Die Arbeitsgruppe weist jedoch darauf hin, dass es zu diesem Zusammenhang zwar in anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung wissenschaftliche Ergebnisse gibt, ein entsprechender Nachweis für die Rehabilitation aber noch aussteht.

In einer großen Fragebogenstudie mit Daten von über 1.000 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden hat die Arbeitsgruppe den Einfluss der erlebten Patientenorientierung auf die Patientenzufriedenheit einerseits und auf den Behandlungserfolg andererseits untersucht. Für beide Ergebnisgrößen finden sich Zusammenhänge, wobei die Patientenzufriedenheit vergleichsweise stärker durch die Patientenorientierung erklärt wird.

Die Arbeitsgruppe zieht aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass die Umsetzung einer patientenorientierten Behandlung in Reha-Einrichtungen weiter vorangetrieben werden sollte. Insbesondere über die Stärkung von Selbstmanagement und Empowerment können die Reha-Einrichtungen auch die gesundheitliche Situation ihrer Rehabilitandinnen und Rehabilitanden verbessern.

Nach Einschätzung der Posterjury ist die Untersuchung der wichtigen Frage des Einflusses der Patientenorientierung auf den Reha-Erfolg mit großer Fallzahl besonders positiv zu bewerten. Nicht zuletzt wurde die Posterjury durch die ansprechende und übersichtliche Darstellung auf dem Medium Poster überzeugt.

Zweiter Posterpreis

Welche migrationssensiblen Versorgungsangebote werden auf den Webseiten von medizinischen Rehabilitationseinrichtungen vorgestellt? Ergebnisse einer Dokumentenanalyse

AutorInnen: Langbrandtner, J., Brzoska, P., Yilmaz-Aslan, Y., Aksakal, T., Razum, O., Deck, R.

Universität Lübeck, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie

Technische Universität Chemnitz, Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften

Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Abteilung Epidemiologie & International Public Health

Inhalt

Menschen mit Migrationshintergrund nehmen seltener an Rehabilitationsleistungen teil als Menschen ohne Migrationshintergrund. Als Ursachen wurden Zugangsbarrieren wie fehlende kultursensible bzw. mehrsprachige Informationen angesehen. Die Autorengruppe untersuchte Reha-Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein an Hand ihrer Internetauftritte im Hinblick auf migrationssensible Angebote für türkischstämmige Personen. Die untersuchten Webseiten verfügten nur vereinzelt über Angaben zu kultursensiblen Therapien, kulturspezifischer Ausstattung und Verpflegung. Informationsmaterialien in verschiedenen Sprachen oder Sprachbuttons zur Übersetzung finden sich selten. Die Ergebnisse lassen Handlungsbedarf für die Reha-Einrichtungen zum Abbau von Zugangsbarrieren erkennen.

Die Posterjury würdigte unter anderem die methodische Klarheit der Studie und die gelungene grafische Umsetzung des Posters.

Dritter Posterpreis

Förderfaktoren und Barrieren der Zusammenarbeit im interprofessionellen orthopädischen Reha-Team

AutorInnen: Kleine, S., Preßmann, P.F., Exner, A.-K., Philipp, J., Leibbrand, B.

Institut für Rehabilitationsforschung Norderney

Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld

Salzetalklinik, Bad Salzuflen

Klinik am Lietholz, Bad Salzufflen

Inhalt

Die Güte der Zusammenarbeit im Reha-Team ist nach vorliegenden Forschungsergebnissen ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Qualität und das Ergebnis der Rehabilitation. Nicht zuletzt hängt auch die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eng mit der Teamqualität zusammen. Die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation stellt nach Einschätzung der Arbeitsgruppe besondere Ansprüche an die Teamarbeit.

Im Rahmen der formativen Evaluation  eines MBOR-Konzepts wurden 15 qualitative Interviews zu Förderfaktoren und Barrieren der Zusammenarbeit im orthopädischen Reha-Team durchgeführt.

Die Arbeitsgruppe hat die verschiedenen Förderfaktoren und Barrieren anhand eines theoretischen Konzepts gruppiert und anschaulich auf dem Poster dargestellt. Illustriert werden die Faktoren durch Zitate der interviewten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dadurch können die Ergebnisse der Studie sehr gut nachvollzogen werden. Nach den Studienresultaten verbessert sich insbesondere die bedarfsgerechte Zuweisung der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden zu den einzelnen Therapieverfahren durch eine engere Zusammenarbeit im Reha-Team.

Die Posterjury würdigt mit dem 3. Posterpreis die gelungene Darstellung der Ergebnisse einer qualitativen Studie bei einem sehr relevanten Thema.

Postersonderpreis (Publikumspreis)

Eltern- und Kindbewertungen zur Rehabilitation. Inwieweit stimmen sie überein?

AutorInnen: Ritter, S., Jankowiak, S., Kaluscha, R., Krischak, G.

Institut für Rehabilitaionsmedizinische Forschung an der Universität Ulm (IFR Ulm), Bad Buchau

Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie, Federseeklinik, Bad Buchau

Inhalt

In einem durch die Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg geförderten Projekt hat die Forschungsgruppe die Bewertungen von Kindern ab 11 Jahren zu ihrer Rehabilitation erfasst und dann mit den Angaben der Eltern verglichen. Dabei konnten bei 220 Familien beide Einschätzungen erhoben werden.

Insgesamt stimmten die Bewertungen gut überein. Bezogen auf ihre gesundheitlichen Einschränkungen machten sich die Kinder allerdings weniger Sorgen als die Eltern. 

In ihrem Projekt konnte die Arbeitsgruppe zeigen, dass es sich lohnt auch Kinder zu ihrer Rehabilitation und deren Ergebnis zu befragen.

Das Poster wurde vom Publikum offensichtlich auf Grund seiner ansprechenden und übersichtlich gestalteten Aufbereitung ausgewählt.

Evaluation

Kolloquiumsinteressenten

Das 25. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium 2015 in Aachen wurde von 1.634 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht. Die Besucherzahl für das Reha-Kolloquium liegt seit Jahren stabil bei über 1.500 Teilnehmenden.

Online-Evaluation

Die Bewertung des Reha-Kolloquiums durch die Teilnehmer wird über eine Onlinebefragung durchgeführt. Dazu wird ein Fragebogen eingesetzt, mit dem verschiedene Aspekte des Kolloquiums auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 5 (sehr unzufrieden) bewertet werden können. Die Online-Evaluation wird durch die Firma Electric Paper Evaluationssysteme GmbH im Rahmen eines Sponsorings unterstützt.

In diesem Jahr haben 446 Kongressbesucherinnen und -besucher an der Kongressevaluation teilgenommen. Das entspricht 27,3 Prozent der Teilnehmenden.

Der Gesamteindruck vom 25. Reha-Kolloquium wurde von den Antwortenden mit der Note 1,8 und damit etwas besser als der Durchschnitt der letzten 2 Jahre (2,1) bewertet. Die hohe Zufriedenheit der Teilnehmer mit der Veranstaltung konnte erneut bestätigt werden.

Die Informationsmedien zu dem Kongress, wie der Kolloquiums-Flyer und der Internetauftritt, die Zusammenstellung der Tagungsunterlagen und die Übersichtlichkeit des Programms haben in der Bewertung wieder gut bis sehr gut abgeschnitten. Gleichermaßen positiv wurde die Möglichkeit bewertet, sich über das Internet anmelden und Beiträge einreichen zu können.

Die Qualität des wissenschaftlichen Programms erhielt bezogen auf Plenarvorträge, DGRW-Updates und Poster mit 1,6, 2,0 und 2,1 sehr positive Bewertungen. Die Plenarvorträge von Prof. Maio und Prof. Peters wurden in den freitextlichen Bewertungen häufig mit Begriffen wie "außergewöhnlich ansprechend", "hervorragend" und "Highlight" bedacht. Die wissenschaftlichen Vorträge und die Plenardiskussion wurden mit den Noten 2,3 und 2,2 etwas besser als bei den vorherigen Kolloquien bewertet.

Die Organisation vor Ort wurde von den Kongressbesucherinnen und -besuchern insgesamt wieder sehr positiv eingeschätzt. Dabei schnitten das Eurogress Aachen als Veranstaltungsort und die Veranstaltungsorganisation vor Ort mit der Note 1,4 am besten ab, gefolgt vom Tagungsbüro und der Technik während des Programms mit der Note 1,5. Die Präsentation der Aussteller honorierten die Teilnehmenden mit der Note 2. Die Pausenverpflegung wurde gut angenommen und mit gut bis sehr gut (1,7) bewertet.

Beim Rahmenprogramm schnitt der Begrüßungsempfang im Aachener Krönungssaal mit der Note 1,7 sehr gut ab. In den Freitextangaben zeigten sich die Bewertenden beeindruckt von der historisch bedeutsamen Location. Der Gesellschaftsabend kam bei den Gästen ebenfalls sehr gut an und wurde mit durchschnittlich 1,8 Punkten bewertet. In den Freitexten wurde die Veranstaltung des Gesellschaftsabends im Eurogress wegen der räumlichen Nähe zum Kongress und der musikalischen Untermalung gelobt.

Insgesamt wurde das 25. Reha-Kolloquium in Aachen von den Teilnehmenden sehr positiv bewertet, was sich auch an den freitextlichen Rückmeldungen im Evaluationsbogen ablesen lässt. Die Bewertungen und die detaillierten Freitextangaben werden dazu genutzt, die Durchführung des Kongresses den Wünschen unserer Teilnehmenden anzupassen.


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